Vor 28 Jahren qualifizierte sich Norwegen letztmals für eine Weltmeisterschaft. Mit fünf Punkten reichte es in Frankreich für den Achtelfinal, in dem gegen Italien Schluss war. Grund für den Vorstoss in die Runde der besten 16 war ein 2:1 gegen Brasilien. Die Südamerikaner unterlagen Norwegen, obwohl sie mit Stars wie Roberto Carlos, Rivaldo, Ronaldo oder Bebeto angetreten waren. Am letzten Sonntag begegneten sich die Teams im Achtelfinal wieder. In Norwegen zeigt sich: Public Viewing und WM-Euphorie gibt es auch im hohen Norden.
Vadsø liegt in der Finnmark, ganz im Nordosten des Landes. Mit 5800 Einwohnern ist es die viertgrösste Gemeinde der Region, die flächenmässig grösser ist als die Schweiz. Von Vadsø dauert es zweieinhalb Autostunden bis Kirkenes, das an der Grenze zu Russland liegt. Der Grenzübergang zu Finnland liegt recht nahe. In die Hauptstadt Oslo sind es aber 1900 km, so fühlt sich das auch an. Die Gegend ist von rauer Natur umgeben, abgeschieden, grössere Orte sind äusserst selten. Auch Bars, in denen Fussballspiele übertragen werden, sind schwierig zu finden.
Norwegen hat noch nie gegen Brasilien verloren
«Hierhin kommen Leute aus einem grossen Umkreis. Wir sind das einzige Lokal dieser Art weit und breit», sagt die Frau, die im «Baja» in Vadsø Bier ausschenkt. «Weit und breit» ist in dieser Region wörtlich zu nehmen, so dünn besiedelt ist sie. Angesichts des kleinen Angebotes erstaunt es nicht, kommen die Fans schon früh in die Bar. Drei Stunden vor dem Achtelfinal zwischen Norwegen und Brasilien ist diese gestossen voll, die Fans vertreiben sich die Zeit mit einem Quiz, dessen Inhalt sich mir nur bruchstückhaft erschliesst.
Der Lärmpegel ist hoch, die Stimmung gelöst. Es gibt Pizza mit Rentierfleisch zum Teilen. Das Bier der Marke «Isbjørn» ist teuer, ein halber Liter kostet elf Franken, doch es mundet. Weniger angenehm ist der Versuch, einen Vierertisch zu halten, während ich auf Brüder und Vater warte. Einer stösst rasch dazu, doch zwei Plätze bleiben frei. Wir geben sie den Ersten ab, die uns ansprechen. Die beiden Frauen aus Tromsø bestellen eine Pizza, eine von ihnen war früher Fussballerin. Sie sagt: «Norwegen hat noch nie gegen Brasilien verloren. Das bleibt so.»
Die ganze Bandbreite an Fussball-Emotionen
Dann erheben sich alle; es ertönt die Nationalhymne und es wird laut. Man setzt sich wieder, dann beginnt das Spiel, das in die Geschichtsbücher eingehen könnte.
Nach wenigen Minuten führt Norwegen, doch die Fahne des Linienrichters ist oben, kein Tor. Ein Mann vor mir ballt die Fäuste, reckt sie zum Jubeln in die Höhe. Dann merkt er, dass es weiterhin 0:0 steht, und quittiert dies mit zwei Stinkefingern in Richtung des Bildschirms.
Kurz später macht sich Ernüchterung breit, Brasilien bekommt einen Penalty. Weil Bruno Guimarães am überragenden Ørjan Nyland im Tor scheitert, brandet Jubel durch das Lokal. Das Spiel ist nie langweilig – und stets ist sichtbar, dass der Underdog dem fünfmaligen Weltmeister ebenbürtig ist. Bis zum Ende des Spiels werden die Norweger doppelt so viele Pässe geschlagen haben als ihr Gegner.
Erstmals den Siedepunkt erreicht die Stimmung in Minute 79. Von Torjäger und Superstar Erling Braut Haaland war nicht viel zu sehen, doch er steht richtig und köpft Norwegen 1:0 in Führung. Dass er einer der weltweit besten Stürmer ist, beweist er in der 90. Minute erneut: Fast aus dem Stand gelingt ihm mit einem präzisen Linksschuss das 2:0. Die Leute schauen sich an, sie denken: «Was ist denn jetzt passiert?»
Gemeinsames Ritual und überschwängliche Zeitung
Dass Brasilien in der siebten Minute der Nachspielzeit mit Neymar ein Penaltytor gelingt, geht in der Euphorie unter. Norwegen bringt den Sieg über die Zeit, obwohl der Schiri unerklärlicherweise drei weitere Minuten laufen lässt. Wir werden in Vadsø Zeugen von Fussballgeschichte. Einen solchen Sieg hat diese Generation, ja vielleicht das ganze Land, noch nie erlebt.
Zum gemeinsamen Ruder-Jubel, Norwegens Markenzeichen an dieser WM, brechen alle Dämme, die Bar bebt. Als wir diese um 0.30 Uhr verlassen, ist es draussen hell – und die Leute freuen sich auf den Viertelfinal gegen England.
«VG», Norwegens grösste Zeitung, feiert die Fussballer auf 28 Seiten. Neben dem unglaublichen Haaland – er hat in 54 Länderspielen 62 Tore erzielt – steht Torhüter Nyland im Mittelpunkt. Die Zeitung VG gibt ihm die Bestnote 10 und schreibt dazu: «Die beste Leistung eines norwegischen Torhüters aller Zeiten.» Und: «Ihm sollte ein Denkmal in Volda, auf dem Rathausplatz in Oslo, auf dem Platz in Trondheim, in Bergen und im Vågen in Stavanger errichtet werden. Und überall sonst.»
Public Viewing in Norwegen: der unglaubliche Erling Haaland und seine Fans