Fussball vor 5 Stunden

Ohne Stammtorhüter in das eine Entscheidungsspiel

Am Donnerstag um 21 Uhr (Schweizer Zeit) steigt in Lissabon das Rückspiel zwischen Benfica und dem FC St.Gallen. Die Ostschweizer reisen mit einem 2:1-Hinspielsieg im Gepäck, aber auch mit Personalsorgen in die portugiesische Hauptstadt.

Von rez
aktualisiert vor 5 Stunden

War das nun der grösste Sieg in der bald 150-jährigen Geschichte des FC St.Gallen? Darüber debattierten die Fans nach dem Spiel in fröhlicher Atmosphäre. «Nein, das 2:0 gegen Chelsea war doch noch eine andere Nummer, einen englischen Verein rauszuwerfen, war eine richtige Sensation», sagte ein Fan, und ein anderer fügte an: «Oder erinnerst du dich an das 1:0 in Freiburg mit dem entscheidenden Tor in der Nachspielzeit?»

Dass überhaupt in solchen Tönen über den 2:1-Heimsieg gegen das grosse Benfica gesprochen wurde, lag daran, dass dem FCSG tatsächlich eine grosse Überraschung gelungen war. Benfica ist 38-facher portugiesischer Champion und spielt in der Regel nicht in der Qualifikation zur Europa League, sondern in der Königsklasse. Mit gut 400000 Mitgliedern ist Sport Lisboa e Benfica einer der grössten Fussballclubs der Welt. Entsprechend hoch sind die Erwartungen in Portugal. Für SLB war das Spiel in St.Gallen alles andere als ein Höhepunkt in der Vereinsgeschichte. Es war nur eine lästige Pflicht.

Benfica darf sich keinen weiteren Ausrutscher leisten

Doch diese Pflicht erfüllte der portugiesische Rekordmeister nicht und wurde dafür von der heimischen Presse zerpflückt. «A Bola», die grösste Sportzeitung des Landes, nahm kein Blatt vor den Mund. «Zu sagen, es sei schrecklich gewesen, wäre noch ein Kompliment für Benfica», war zu lesen. Was für St.Gallen ein riesiges Kompliment ist, ist für Benfica die unmissverständliche Aufforderung, es im Rückspiel besser zu machen, deutlich zu gewinnen und die Stärkeverhältnisse zurechtzurücken. Gegen den FCSG darf Benfica auf keinen Fall ausscheiden.

Der FC St.Gallen kann unbeschwert ins Spiel steigen, hat aber mit verschiedenen Sorgen zu kämpfen. Eine ist die Abwesenheit seiner grossen, leidenschaftlichen Fangemeinde. Weil diese in der letzten Conference-League-Kampagne zu exzessiv Gebrauch von pyrotechnischen Erzeugnissen gemacht hatte, ist sie in Lissabon gesperrt. Der Gästeblock im Estádio da Luz bleibt leer. Einige Fans haben trotzdem die Reise nach Portugal angetreten und hoffen, es irgendwie ins EM-Final-Stadion von 2004 zu schaffen. Von einem grösseren grün-weissen Stimmungskern ist aber nicht auszugehen.

Der Stammgoalie fehlt, der Captain ist fraglich

Eine weitere Sorge betrifft das Personal, auf das Trainer Enrico Maassen zurückgreifen kann. Torhüter Lawrence Ati Zigi, zuletzt mit mehreren wichtigen Paraden, ist nicht mit der Mannschaft nach Lissabon gereist. Der Ghanaer zog sich beim 2:1-Heimsieg gegen den FCZ am Sonntag eine Muskelzerrung zu. Er spielte die Partie zwar zu Ende, muss nun aber passen. Wie das «St.Galler Tagblatt» berichtet, sind auch Captain Lukas Görtler, Innenverteidiger Tom Gaal und Mittelfeldspieler Carlo Boukhalfa fraglich.

Die Liste der Angeschlagenen ist nach zwei Pflichtspielen schon ziemlich lang, was den Trainer fordert. Auf der Torhüterposition dürfte Lukas Watkowiak, seit Jahren eine äusserst zuverlässige Nummer zwei, zum Einsatz kommen. Boukhalfa wurde am Sonntag schon durch den von Aarau gekommenen Leon Frokaj ersetzt, der seine Aufgabe sehr gut erledigte, indem er frisch und mutig auftrat. Für Tom Gaal, im Hinspiel Siegtorschütze, könnte der junge Joel Ruiz spielen. Captain Görtler ist derweil besonders in Bezug auf die Mentalität fast unersetzbar. Weiter ist vorstellbar, dass der neue Stürmer Andrin Hunziker, gegen Zürich Siegtorschütze, zu seinem Startelf-Einstand kommt.

Jetzt kommt es zum einen Entscheidungsspiel

Lukas Görtler hatte vor dem Hinspiel gesagt, Ziel der Mannschaft sei, dass es in Lissabon noch um etwas geht. Der Captain: «Man sagt immer, es sei schwierig, einen solchen Gegner in zwei Spielen zu bezwingen. Wir müssen alles dafür tun, dass es zu dem einen Entscheidungsspiel kommt. Denn man weiss ja: In einem Spiel ist immer alles möglich.» Dieses eine Spiel steht nun an und der FCSG wird alles in die Waagschale werfen, um dem Weltverein aus Portugal noch ein Schnippchen zu schlagen.

Einfach wird das nicht. Das Stadion wird nahezu ausverkauft sein, es dürften über 60000 Fans kommen. Und Benfica hat viel Qualität, selbst wenn die sechs WM-Fahrer auch in diesem Spiel noch fehlen würden. Aktuell gibt es kaum Anzeichen für ihre Rückkehr ins Kader, abgesehen vom Portugiesen Tomás Araújo und dem Bosnier Amar Dedic, die schon in St.Gallen auf der Bank sassen. Ob der Belgier Dodi Lukébakio oder der Norweger Andreas Schjelderup zum Einsatz kommen werden, wird sich zeigen. Sicher ist, dass Benfica auch ohne sie die Qualität hat, den FCSG zu bezwingen. Doch die Portugiesen stehen unter grossem Druck – und treffen auf St.Galler, die sich zerreissen werden.