Heerbrugg 23.11.2022

Gesellschaftlicher Wandel bringt den Familientreff in eine schwierige Lage

Es ist denkbar, dass es die Organisation, die Anlässe für Familien und Kinder bietet, bald nicht mehr gibt. Die Co-Leiterinnen sagen, warum sie diese Entwicklung befürchten und wer die Auflösung abwenden könnte.

Von Monika von der Linden
aktualisiert am 23.11.2022
Heerbrugg 23.11.2022

Gesellschaftlicher Wandel bringt den Familientreff in eine schwierige Lage

Es ist denkbar, dass es die Organisation, die Anlässe für Familien und Kinder bietet, bald nicht mehr gibt. Die Co-Leiterinnen sagen, warum sie diese Entwicklung befürchten und wer die Auflösung abwenden könnte.

Von Monika von der Linden
aktualisiert am 23.11.2022

Das Dorf, dessen grösster Teil auf dem Gebiet der Politischen Gemeinde Au liegt, hat einen urbanen Charakter. Für fast alle alltäglichen Belange gibt es eine Anlaufstelle. Ein Nebeneffekt der städtischen Atmosphäre ist, dass es gewisse ländliche Selbstverständlichkeiten nicht mehr gibt. So schwindet zum Beispiel zusehends die Bereitschaft, sich in Freiwilligenarbeit in die Dorfgemeinschaft einzubringen.

Die verantwortlichen Frauen im Familientreff Heerbrugg (FAT) nahmen diese Entwicklung schon vor langer Zeit wahr. Vor ungefähr zwanzig Jahren benannten sich der damalige Treff junger Mütter in Familientreff um. Früher als in andern Dörfern wollten sie über den Namen ihrer Vereinigung vermitteln, dass sowohl Mütter als auch Väter Freiwilligenarbeit für Kinder leisten können und willkommen sind.

Nun scheint es so, als stünde dem Familientreff eine unschöne Entwicklung, nämlich sein Ende bevor. Die Angebote erfreuen sich zwar einer grossen Nachfrage und die Kinder besuchen die Anlässe gern. Die meisten ihrer Väter und Mütter geben sie aber lieber ab, als dass sie sich selbst für ein Gelingen des Angebotes engagieren.

«Zöpfe abgeschnitten», bevor sie alt wurden

«Es klappt nicht, dass wir Verbleibenden alles allein machen», sagt Marion Höpfner. Sie leitet den Familientreff mit Claudia Tiegel im Zweierteam, seit Nadja Walser kürzlich ausgeschieden ist. Folglich haben sie den Treff neu strukturiert und «Zöpfe abgeschnitten», bevor sie alt wurden.

Längst sind Kinderflohmarkt, Kinderkonzerte und Bastelnachmittage aus der Agenda verschwunden.

Der monatliche «Frauen-Zmorge» wird als Familien-Café in Zusammenarbeit mit dem «ZentRuum» der Politischen Gemeinde Au leicht verändert weitergeführt. Und der «Räbeliechtli»-Umzug fand vor ein paar Tagen zum letzten Mal unter dem Schirm des Familientreffs statt. Neu organisiert die Primarschule den Anlass.

Alle Neuerungen verhinderten nicht, dass nun auch die gut laufenden Anlässe – Kinderartikelbörse, Kindermaskenball und Kerzenziehen/Kerzengiessen – gefährdet sind. Sie stehen unter dem FAT-Dach, werden aber von eigenen Organisationskomitees geführt. Obwohl der Aufwand jeweils zeitlich begrenzt ist, finden sich zu wenig helfende Hände, die auch Verantwortung tragen. «Es ist wie ein Kampf gegen Windmühlen, sagt Claudia Tiegel und zieht den Vergleich zu Don Quijote.

Es ist definitiv. Marion Höpfner zieht sich nach 15 Jahren aus der Leitung zurück. Ihre Kinder sind längst der Zielgruppe entwachsen und sie selbst ist dreifache Grossmutter.

Säuglingskleider zu verkaufen, sehe ich nicht mehr als meine Aufgabe an.

Ähnlich geht es Claudia Tiegel. Sie scheidet nach zwölf Jahren aus.

Der jeweils nächste Anlass könnte der letzte sein

Die Co-Leiterinnen sind traurig und frustriert, dass fast alle ihre Versuche, die Anlässe langfristig zu retten, nahezu ungehört verhallten. Alle Mütter und Väter, die oder deren Kinder im letzten Jahr an einem Anlass teilgenommen haben, wissen es: Falls sie nur konsumieren wollen und die OKs der drei Anlässe nicht ersetzt oder verstärkt werden, fallen diese auch bald aus der Agenda.

Im Frühling fällt die Entscheidung, ob die Börse im Herbst 2023 die letzte ist. Ob auf den Kindermaskenball im Februar noch einer folgt, ist ebenfalls fraglich. Einzig das Kerzenziehen/Kerzengiessen dürfte mittelfristig gesichert sein. Marion Höpfner möchte sich hier weiter engagieren. "Es braucht aber mehr Leute mit kleinen Kindern", sagt sie.

Ohne Zweifel sind die Veranstaltungen des Familientreffs stark nachgefragt. Sollte sie niemand mehr organisieren wollen, entsteht eine grosse Lücke in der Gemeindeagenda. «Das Dorf kann ohne uns leben. Es gäbe aber zu wenig Angebote neben Vereinen und Kommerz», sagt Claudia Tiegel.

Hinweis: Seit vielen Jahren organisiert der Familientreff Heerbrugg zu Beginn der Adventszeit das Kerzenziehen und Kerzengiessen, dieses Jahr am 26. und 27. November im Pfarreiheim. Auch hier sind zusätzliche helfende Hände willkommen.
www.familien-treff-heerbrugg.ch