Mittwoch, 11. März, gegen Abend auf der Terrasse des Fünf-Sterne-Hotels Titanic Deluxe Golf Belek. Die spät am Vortag angereisten Rüthner begegnen den Rebsteinern, die schon drei Tage länger in der Südtürkei sind. Man kennt sich, begrüsst sich, es fallen Sprüche, wie auf den heimischen Fussballplätzen. Das Setting ist aber ein anderes. Sie treffen sich in einem Hotelkomplex, wo sonst Profis Trainingslager haben. Eine Anlage, die so viel bietet, dass man sich dort stundenlang aufhalten kann und immer noch Neues entdeckt. Das riesige Speise- und Getränkeangebot ist «all inclusive».
Rüthi und Rebstein sind die letzten Rheintaler Teams, die im Titanic logieren. Vor ihnen waren schon Montlingen, Altstätten und Widnau da. Alle genossen Bedingungen, die sie im Rheintal zu dieser Jahreszeit nicht antreffen. Und gerade wer keinen Kunstrasen hat, profitiert enorm davon. Das bestätigt Adi Brunner, Trainer des Zweitliga-Leaders Montlingen: «Es war fantastisch, die Bedingungen für die Trainings waren perfekt. Und wir haben viel Zeit als Team miteinander verbracht.»
Alle betonen die Wichtigkeit des Teamzusammenhalts
Dies auch, weil das Resort, eine halbe Stunde vom Flughafen Antalya entfernt, etwas abgeschieden liegt, es kaum Möglichkeiten gibt, auf eigene Faust etwas ausserhalb davon zu unternehmen. Und daran, dass die Stärkung des Teamgeistes ein Anliegen ist, das alle Trainer teilen.
«Für das Teambuilding ist ein solches Lager sehr wichtig», sagt Rüthis Granit Bojaxhi. Rebsteins Ralph Heeb:
Für den Zusammenhalt ist es sehr wichtig, das Lager schweisst zusammen. Und wir lernen uns nochmals anders kennen.
«Für den Zusammenhalt ist eine solche Woche super. Es gehört dazu, auch mal zusammenzusitzen und etwas zu trinken, die Spieler nehmen ja extra Ferien dafür», sagt Widnaus Co-Trainer Daniel Lüchinger.
Und dennoch: Ein «Sauflager», wie man befürchten könnte, ist ein Trainingslager auch für regionale Teams nicht, im Gegenteil. Die Belastung ist gross – viel grösser, als sich die Spieler, die sonst zwei- bis dreimal pro Woche trainieren, gewohnt sind. Die Mannschaften trainierten in der Woche sechsmal, dazu kamen Testspiele. Widnau traf auf einen deutschen Landesligisten, Altstätten auf die U23 eines ungarischen Profivereins. Rebstein und Rüthi spielten in einem Stadion, das 7500 Fans Platz bietet. Klar, zückten Spieler und Staff die Handys, um sich abzulichten. In einem solchen Stadion spielen sie vielleicht nie wieder.
Nicht nur, weil gerade nicht Hochsaison ist
Das Titanic Deluxe Golf Belek hat fast 600 Zimmer, mehrere Restaurants, Pools und Fussballplätze, die im Areal liegen. Die Südtürkei ist im Winter eine extrem beliebte Destination für Fussballteams: Angenehme Temperaturen und gut gepflegte Plätze locken sie an. Im Titanic logieren Profis und Amateure. Melisa Koska vom Hotelmanagement sagt:
Amateurteams zu empfangen, ist eine besondere Freude. Sie bringen stets eine sehr gute Atmosphäre sowie einen starken Teamspirit mit, was ihr Aufenthalt bei uns besonders macht.
Die grössten Unterschiede zwischen Profis und Amateuren betreffen für Melisa Koska die straffere Organisation und die Intensität der Trainingspläne. «Amateurteams haben ein relaxteres Programm und konzentrieren sich nicht nur auf den Sport, sie geniessen auch das Gesamterlebnis.»
Hochsaison ist zurzeit nicht, einige Attraktionen sind geschlossen. Doch wer glaubt, dem Hotel gehe es nur darum, die leeren Betten zu füllen, irrt: «Wir empfangen die Teams nicht, weil es gerade eine ruhigere Saison ist. Wir heissen sie willkommen, da wir wünschen, dass sie ihre Lager bei uns geniessen und schätzen die Zusammenarbeit mit ihnen», sagt Koska.
Ein Fünftligist, der nach Albanien gereist ist
Nicht nur erste Mannschaften fahren im Winter ins Trainingslager. Auch das «Zwei» des FC Diepoldsau-Schmitter war unterwegs. Das Team von Trainer Marco Riklin reiste in die albanische Hafenstadt Durrës, um sich auf die Rückrunde vorzubereiten. In dieser will die junge Truppe in die 4. Liga aufsteigen. Dafür trainierte sie jeden Vormittag, der Nachmittag gehörte polysportiven Aktivitäten.
«Wir waren in dieser Woche immer gern zusammen und hatten einen sehr guten Austausch», sagt Riklin. Obwohl nicht alles wie gewünscht geklappt hat, war die Woche eine Bereicherung. «Wir waren auch an einem albanischen Cupspiel, das beste Unterhaltung geboten hat», sagt der Trainer. Auch hier: Das Teambuilding steht im Zentrum, egal, ob Erst- oder Fünftligist. Für Diepoldsau II ist es wichtig, weil es im letzten Sommer viele neue, junge Spieler aufgenommen hat. Und es ein schönes Erlebnis ist.
«Wir könnten auch einfach in eine Berghütte»
Den Fussballern ist ihr Hobby so wichtig, dass sie gern eine Woche Ferien und eine Stange Geld dafür aufwenden, zusammen zu sein. Es stellt sich aber die Frage: Müssen solche Teams in solche Trainingslager?
«Ich bin kein Gegner davon und würde gern nächstes Jahr wieder in ein Lager. Aber wenn ich eine Woche Ferien beziehe, muss dieses gewissermassen seriös sein. Ich verstehe natürlich die Spieler, dass sie zusammensitzen wollen, wenn sie dafür frei nehmen. Aber das können sie auch im Rahmen eines Teamevents tun», sagt Daniele Polverino, Trainer des Zweitligisten Au-Berneck, der diesen Winter im Rheintal verbracht hat. Und Granit Bojaxhi fügt an:
Wir könnten auch einfach miteinander in eine Berghütte gehen. Es spielt keine Rolle, ob wir dort oder in der Türkei feiern.
Damit beschreiben die Trainer das Phänomen «Trainingslager im Regionalfussball» ganz gut: Im Zentrum steht immer das Team. Gerade im Dorffussball, wo man sich gegenseitig kennt und schätzt. Dort, wo die Spieler zu einer Mannschaft gehören, weil sie das wollen, um gemeinsam eine gute Zeit zu haben. In der Türkei oder im Rheintal.
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