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Verzicht oder Bereicherung? Leben in einem Tiny House

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Lukas und Fiona haben sich für alternatives Wohnen entschieden. Sie leben in einem Tiny House in der Zwischennutzung in Altstätten. Was sich für viele nach einem Verzicht anhören mag, ist für das Paar eine Bereicherung.

Name: Lukas Alter: 25 Wohnort: Altstätten Beruf: Multimedia Produzent
Name: Fiona Alter: 34 Wohnort: Altstätten Beruf: Sozialpädagogische Mitarbeiterin

Wie seid ihr zu dieser Lebensform gekommen?
Fiona: Ich wollte nach meinem Studium in Luzern wieder ins Rheintal kommen und habe von meinem Bruder vom Projekt der Zwischennutzung gehört. Erst wollte ich einfach im Gartenhäuschen wohnen, habe dann aber ein Café in einem Container eröffnet und oben drin gewohnt. Mittlerweile wohnen Lukas und ich in unserem eigenen Container.
Lukas: Ich habe meinen Eltern als Kind immer vorgeschwärmt, in einem Container wohnen zu wollen. Schliesslich sei das viel einfacher als ein Haus zu bauen. Ich habe viel über die Zwischennutzung erfahren und wurde von mehreren Seiten dazu angespornt, beim Projekt mitzumachen. Die Idee in meinem Kopf entwickelte sich immer weiter und ich entschied mich dazu, es einfach zu versuchen.

Wie kam das Ganze ins Rollen?
Lukas: Im ersten Sommer waren wir mit Glenn, ein weiterer Bewohner, die einzigen die hier gewohnt haben. Diese Zeit war für mich eher «hardcore-camping». Ich wohnte in einem rohen Container mit Fenstern. Im Vergleich zu jetzt war wenig los. Dann kamen immer mehr Leute.
Fiona: Die Entwicklung beschleunigte sich am meisten durch die neuen Bewohnenden. Es wurden ein Minihotel und ein Gartencafé ins Leben gerufen, der Garten wurde ausgebaut und ein Treibhaus errichtet. Mittlerweile wohnen 14 Personen hier. Die jüngste Bewohnerin ist 25, die Älteste über 50.

Was sind die Vorteile am Leben in der Zwischennutzung?
Lukas: Aufgebaut ist das Leben wie in einer WG, wir haben aber mehr Freiraum. Wir brauchen weder Küche noch Bad zu teilen. Trotzdem leben wir in einer Gemeinschaft und können zusammen sehr viel erreichen. Wenn jemand eine Idee hat und sie jemand anderem gefällt, kann sie sofort umgesetzt werden. Wir haben zum Beispiel eine Schreinerei und einen Velomech vor Ort.
Fiona: Wir nutzen das Potenzial von allen und ergänzen uns gegenseitig. Du kannst allein sein, wann du willst, oder du gehst nach draussen und startest ein Ping-Pong Turnier. Jemand ist immer da.

Musstet ihr materielle Dinge zurücklassen, um hier zu leben?
Fiona: Eigentlich nicht, mittlerweile habe ich fast alles hergeholt. Für mich fühlt es sich nicht nach Verzicht an. Dann würde ich es nicht machen. Es ist eine Bereicherung. Sachen zu teilen ist ein grosser Vorteil und ich bin auch viel mehr draussen unterwegs.
Lukas: Wir sind nicht die klassischen Minimalisten. Es passt halt rein, was reinpasst. Als ich im Tiny House angekommen bin, habe ich über den Sommer nur eine Tasche mitgenommen und den Rest bei meinem Vater eingelagert. Den Rest wollte ich später holen. Zu meiner Überraschung habe ich aber gar nicht viel vermisst und der grösste Teil ist immer noch bei meinem Vater.

Seht ihr Nachteile?
Lukas: Ehrlich gesagt sehe ich gar keine Nachteile.
Fiona: Momentan passt es einfach. Ich finde eher, was wir machen ist grossartig und ich bin unglaublich dankbar, dass es überhaupt möglich ist. Klar gibt es Momente, in denen ich genervt bin. Zum Beispiel beim Waschen im Winter. Die Sachen trocknen einfach schlecht im unbeheizten Magazingebäude.

Was halten Freunde und Familie von eurem Wohnstil?
Lukas: Wenn ich sage: «Ich wohne in einem Container», finden es alle komisch und wenn ich sage: «Ich wohne in einem Tiny House», finden es alle fantastisch. Meine Freunde meinen immer: «Luki halt». Dass wir eine Toilette und eine Dusche haben, ist für viele ein wichtiger Punkt.

Wie sehen eure Zukunftspläne aus?
Lukas: Die Zwischennutzung gibt es sicher noch zweieinhalb Jahre. Stand jetzt könnten wir es uns noch lange vorstellen so zu wohnen. Wir haben schon viele Alternativen besprochen. Wenn ein grosser Teil der jetzigen Bewohnenden weitermachen will, finden wir vielleicht einen neuen Ort und schaffen das ein zweites Mal.
Fiona: Es wäre grossartig, wenn es Ableger geben würde. Immer mehr Menschen wollen auf diese Weise wohnen, aber einen Ort dafür zu finden ist ziemlich schwierig. Die beschränkte Zeit erschwert das Leben leider. Für die Zukunft hätten wir viele Ideen, das Gelände noch mehr zu beleben. Es wäre schön, wenn wir hier Kurse, einen Mittagstisch oder auch Konzerte anbieten könnten. Momentan erlaubt uns dies unsere Kapazität allerdings nicht.

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