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Marbach

Urs Stieger: Literarische Gedanken zum Blosenberg

Pd/vdl Kommentare

Der Bernecker Urs Stieger ist Musiker, historisch interessiert und der Garten-Kolumunist unserer Zeitung. An der Eröffnung «Des grünen Bandes» beim Heim Oberfeld umrahmten er und vier Musikerinnen, die er aus dem Diogenes-Chor kennt, den Anlass musikalisch. Er bot den Gästen aber auch eine literarische Einlage – skizierte den Blosenberg von einst bis heute. Ein kleiner Auszug.

Es mag im Jahr 1978 oder 1979 gewesen sein. Geregnet hat’s, Nebelschwaden hingen über dem Chapf, die Wiesen waren gemäht, die Birnbäume dort hinten färbten ihre Blätter Carmin, die gelben Flecken vom Birnenrost machten aus jedem ein Gemälde, wie es schwer von Menschenhand zu schaffen wäre. Ich hatte eine neue Superachtkamera, eine Bolex mit Makroeinstellung. Die Blätter legte ich über Lampen und filmte diese Kompositionen. Die Aufnahmen der Blätter waren für mich Kunst, - oder sowas. Naiv vielleicht, ich weiss. „Kunst ist schön, gibt aber viel Arbeit“, sagte einmal Valentin. Klar, heute würde man lachen ob der Qualität des Films, dem Gezitter meiner Hände. Die Landschaft, diese Landschaft -  die war einfach, Wiesen, ein Weg, vorne gegen das Rheintal ein paar Birken mit gelben Blättern. In einem andern Film, die Kinder waren schon grösser, warfen wir Eier. An Ostern. Dann schneite es, Ostern „Ganz in Weiss“ sang man.

Seit 30 Jahren oder mehr bin ich nicht mehr hier gestanden. Auch diesen Weg bin ich nicht mehr gegangen. Diesen Weg, den vielleicht vor 600 Jahren, 1414 der Papst benutzte, vom Arlberg kommend mit 600 Courtesan, um seine Absetzung in Konstanz zu erleben. Oder Robert Walser, der Dichter der kleinen Dinge, von Heerbrugg über Grünenstein und Weinstein Richtung Altstätten ging‘s, fröhlich, aber ohne Geld, wie er seinem Freund vertraute. Oder die jungen Liebespaare, die von den Jugendclubs in Altstätten oder Balgach nach Hause schlenderten, gemächlich, das Morgen war weit damals. Nachts fuhr kaum ein Auto, vergiss Autostop!, den oberen Weg nehmend, ja, der war romantischer, nicht der Strasse nach. Oder die Appenzeller, die sich, frustriert über die Gegenwehr der Bregenzer und Süddeutschen, vergewaltigend und brandschatzend in den Alpstein zurückzogen aus diesem Untertanengebiet. Oder all die Kirchgänger, die nach Marbach gingen zur Mutterkirche im Rheintal, an die Flurprozessionen seit frühen Zeiten, 1000 Jahren oder mehr.

Doch, etwas hat sich hier verändert in den letzten Jahren. Die Zäune, d’Hääg sind nicht mehr. Zwei Bretter, eines oben, eines in der Mitte. Hin und wieder war ein Brett gebrochen, im Winter dann wird der baskische Künstler Eduardo Chillida diesen Rhythmus gesehen haben und seine grafischen Werke, die er nicht in Spanien, sondern in St. Gallen drucken liess, ersonnen haben. Sein Heimatbegriff aber gilt für mich heute noch: Idealerweise stammen wir von einem Ort, haben unsere Wurzeln in einem Ort, aber unsere Arme strecken wir aus in die ganze Welt, lassen uns inspirieren von den Ideen der verschiedenen Kulturen. Auch die Welt von Franz war der Haag. Franz lachte immer. Vielleicht war ihm das genug. Franz konnte nicht reden. Seine Kunst bestand aus abgekauten Äpfeln und Birnen, Fallobst, Bitzgi mit Stil. Das gab’s zuhauf! Gäälmöschtler, Wasserbera, Fläschebera. Schoofbera. Heute passen sie nicht mehr ins Marktsegment, die Birnen und die Leute, die nicht sind wie wir.  Die Bitzgi reihte Franz säuberlich aneinander auf den Haagbrettern, exakter Abstand, Stil in eine Richtung. Wie sollte er das machen können mit Elektrozäunen. Wie sollte man sitzen können nachts als Jugendlicher, Jugendliche, etwas abgehoben, bis einem der Hintern weh tat oder das Brett brach. Wie soll man da anlehnen an einen Elektrozaun, sanft, mit der jungen Liebe beim Mondscheinspaziergang?

Was läuft jetzt mit diesem Stück Landschaft, fast ohne Wertschöpfung?  Hier kann man sich der Illusion hingeben, dass das Rheintal Natur pur ist, während unten am Hang die Garagen sich vermehren wie die Wildschweine und die SUV’s oder 4x4s oder wie die heissen schon den Hang heraufkriechen, die Baumusterhüslizentralen von Lüchingen und Marbach sich zu einem Schraubstock vereinen und dieses Stück Landschaftsjuwel in die Zange nehmen. Und wenn wegen einem stinkenden alten blauen  VW – Bus die Zürcher und Basler in Massen ins Rheintal einfallen werden wird es nicht genügen, dass man das EGO Silo in Altstätten in modische Lofts umbaut, die Egoarbeiter nach Thüringen in die neue EU, pardon EGO emigrieren. Die Neuen wollen gut wohnen, da in dieser Wiese zum Beispiel. Die Baulöwen hier rüsten sich, der Raubtierkäfig ist offen! Im Parlament mit höheren Wachstums-szenarien, vielleicht mit Besetzung politischer Schlüsselpositionen. Maurice Chappaz, der Walliser Schriftsteller, war nicht zimperlich mit der Wortwahl für die Baulöwen seiner Walliser Heimat: „Die Zuhälter des ewigen Schnees“ nannte er sie.