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Let's talk about: Echte Männer weinen nicht – von wegen!

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Was Frauen uneingeschränkt gestattet zu sein scheint, gilt bei Männern immer noch als Tabu. Wir brechen es! Männer erzählen, wann und warum sie das letzte Mal geweint haben.

Aber zuerst klären wir einen Fakt: Warum weinen Männer durchschnittlich weniger als Frauen?
Der Ursprung liegt wie so oft in der Kindheit: Zeigt der Vater selten Gefühle, wird das vom Sohn abgeschaut und von Generation zu Generation weitergegeben. Viele Jungs werden dazu erzogen, der Männlichkeitsnorm zu entsprechen. Aussagen wie: «echte Männer weinen nicht» und «ein Indianer kennt kein Schmerz» steuern dazu bei.

Was belastende Folgen haben kann…
Statistiken machen deutlich: Männer nehmen sich häufiger das Leben als Frauen. Ein Grund dafür ist, dass es Männern schwerer fällt, über Gefühle zu sprechen und sich bei Problemen Hilfe zu suchen. Es wird als Schwäche empfunden. Im Jahr 2017 nahmen sich in der Schweiz 773 Männer das Leben gegenüber 270 Frauen.

Wir wollten mit Rheintaler Männern darüber sprechen, wann sie zum letzten Mal geweint haben. Die Suche gestaltete sich schwieriger als gedacht. Die Angst vor blöden Kommentaren überwog. Schlussendlich haben wir zwei mutige Männer gefunden, die bereit dazu waren, über das Tabu-Thema zu sprechen.

Daniel, 20, aus Balgach

Wann hast du zum letzten Mal geweint?

Das war an Silvester, als 2020 zu Ende ging. Das Jahr war zum einen ein sehr gutes Jahr mit tollen Momenten, aber vor allem in der zweiten Hälfte habe ich viele schlechte Erlebnisse gemacht. An Neujahr wollte ich damit abschliessen und meine Emotionen rauslassen, um neu starten zu können.

Wieso ist weinen bei Männern ein Tabu-Thema?
Es kommt auf die Kollegengruppe an. Ich habe zum Beispiel kein Problem damit, mich engen Freunden anzuvertrauen und vor ihnen zu weinen. Im Allgemeinen denke ich, dass viele Männer wegen ihrem Stolz Emotionen verdrängen. Sie wollen keine Schwäche zeigen und ihre Probleme allein lösen. Doch das geht manchmal nicht. Da ist es wichtig, wenn man sich anderen anvertrauen kann – das bringt nur Gutes.

Ramiro, 23, aus St.Gallen (aufgewachsen in Widnau)

Wann hast du zum letzten Mal geweint?

Wenn ich mich richtig erinnere, war das im Jahr 2018. Als ich mich von meiner damaligen Freundin getrennt habe. Die Gesprächssituation während dieser Trennung löste Tränen bei mir aus. Sich nach einer längeren Beziehung mit vielen Erlebnissen, Höhen und Tiefen und einer Zeit, in der man zusammengewachsen ist, von jemandem zu trennen, ist eine einschneidende und sehr emotionale Entscheidung.

Wieso ist weinen bei Männern ein Tabu-Thema?
Tabu-Thema ist vielleicht ein bisschen überspitzt formuliert. Auch wir Männer reagieren auf bestimmte emotionale Situationen mit Tränen. Ich kann mir aber vorstellen, dass die Hemmschwelle für eine solche Reaktion bei Männern ein bisschen höher liegt als bei Frauen. Eine andere Begründung könnte vielleicht sein, dass das Thema Weinen bei Männern mit Begriffen wie Schwäche, Unmännlichkeit und Labilität assoziiert wird. Ich kann mir gut vorstellen, dass dies mit den gesellschaftlichen Erwartungen gegenüber Männern in Verbindung steht.

Also liebe Gesellschaft: Weinen ist kein Zeichen für Schwäche. Tränen sind ein Transportmittel der Gefühle und die soll jeder zeigen dürfen.
Quellen: srf.ch, stuttgarter-nachrichten.de

 

 

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