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(Bild: Elia Berthoud)

Steile Karriere nach Entdeckung auf der Baustelle: «Das Leben als Model ist wow»

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Vom Bodenleger im Rheintal auf die Laufstege der ganzen Welt: Kevins Geschichte könnte verfilmt werden. Vor acht Jahren wurde er auf einer Baustelle entdeckt und arbeitet seither als Model.

Name: Kevin Alter: 30 Wohnort: Ganze Welt (aufgewachsen in Widnau) Beruf: Model

Von Überheblichkeit oder Arroganz war während des Interviews nichts zu spüren. Doch genau diese Eigenschaften verschaffen Kevin Jobs, für die er um die ganze Welt reist. Zum Zeitpunkt des Gesprächs war das Model jedoch nicht gerade in Dubai oder Mailand, sondern im Rheintal bei seiner Familie und führt eine ganz andere Tätigkeit aus.

Kevin, du bist Model. Wieso arbeitest du zurzeit auf einer Baustelle im Rheintal?
Ich mache eine Art Therapie. Wenn man so lange in dieser Plastikwelt lebt und immer unterwegs ist, braucht man irgendwo einen Anker, um das «normale» Leben wieder zu sehen. Ausserdem hat meine Schwester ein Kind und ich möchte es aufwachsen sehen. Deshalb bin ich gerade auf der Baustelle, danach geht’s wieder ans Modeln.

Beginnen wir von vorne. Wie bist du zum Modeln gekommen?
Vor etwa acht Jahren wurde ich von einem Model Scout aus London entdeckt. Damals war ich Bodenleger und arbeitete gerade auf einer Baustelle in Zürich. Der Mann sprach mich an und meinte, ich sollte nicht auf dem Bau arbeiten, sondern modeln. Ich wimmelte ihn ab, da ich nie im Sinn hatte, Model zu werden. Am nächsten Tag schrieb er mich auf Facebook an. Natürlich habe ich sein Profil gecheckt und gemerkt, dass die Anfrage seriös ist. Der Scout meinte, ich könnte reisen und die Welt sehen. Das reizte mich und ich versuchte mein Glück.

Wie ging es los?
Ich zog nach London und probierte dort, Jobs zu ergattern. Der Anfang war holprig, da ich die Sprache nicht beherrschte und nicht wusste, wie ich mich an Castings präsentieren soll. Mit der wachsenden Erfahrung funktionierte es besser und ich lernte, wie ich mich vor Kunden geben muss. Am besten überzeuge ich, wenn ich selbstbewusst und überheblich auftrete. Während der Arbeit trage ich eine Art Maske und verkörpere diesen arroganten Typen, der zu meinem Look passt. Nach einem Jahr in London zügelte ich nach Mailand. Dort lief ich auf richtig grossen Shows und erhielt Jobs auf der ganzen Welt.

Kevin für Amato Couture in Dubai.

Wie hat dein Umfeld auf deinen Karrierewechsel reagiert?
Überrascht. Viele waren skeptisch und haben mich vor dem Business gewarnt. Mich interessiert nicht, was andere denken, und die Warnungen fand ich unbegründet. Wenn man mit gesundem Menschenverstand an die Sache geht, kann nicht viel passieren.

Hattest du am Anfang Bedenken, dass du dem Job nicht gewachsen bist?
Wer so denkt, hat schon verloren. Ich bildete mich im Internet weiter und sprach mit Leuten an Castings. Ausserdem hatte ich einen guten Kollegen, der bereits im Business war und mir Tipps gab. Es ist wie bei vielem: Je länger man etwas macht, desto besser wird man.

Wie war die Umstellung vom Leben im Rheintal auf das Leben im Modelbusiness?
Es war «wow»! Genau dieses Leben wollte ich. Nachdem der Stein ins Rollen gekommen war, konnte ich selbst entscheiden, wo ich arbeiten und welche Jobs in welchem Land ich annehmen wollte. Dieses Gefühl von Freiheit ist geil.

Welche Jobs durftest du bereits machen?
Wo soll ich anfangen… Schon viele. Beispielsweise lief ich mehrere Shows für Dolce & Gabbana, Givenchy oder Moschino, durfte Werbung für BMW, Jeep, Adidas oder Puma machen. Man sieht mich überall ein bisschen. 

Was war bisher dein Highlight?
Im Januar war ich in Dubai für die Fashionweek und habe dort ein paar Shows gemacht. Dubai war Hammer. Die Stadt, die Vibes, die Kleider – alles hat zusammengepasst. Allgemein gab es viele Highlights in den letzten Jahren. Ich liebe diesen Job.

Musstest du auch mal einen schwierigen Auftrag ausführen?
Einmal hatte ich einen Modeljob auf einem Gletscher. Dort stand ich mega nah am Abgrund und es ging steil runter. Mit meiner Höhenangst war das nicht so einfach.

Was fesselt dich am Modeln?
Ich liebe es, Kulturen kennenzulernen und die verschiedensten Leute aus den verschiedensten Bereichen zu treffen. Ich bin sehr dankbar, dass ich diesen Job machen darf und weiss, wie glücklich ich mich schätzen kann, bereits so viel erlebt zu haben. Durch die Jahre auf Reisen habe ich sehr viel fürs Leben gelernt, das ich sonst verpasst hätte.

Beispielsweise?
Ein griechischer Yogalehrer erzählte mir, dass ein Zimmer immer aufgeräumt sein sollte, damit die Aura nicht gestört wird und dein Geist freier ist. Eine weitere Erkenntnis ist, dass man nicht nur seinen Körper, sondern auch das Gehirn trainieren sollte. Das mentale Training ist fast noch wichtiger.

Welche Schattenseiten bringt das Modeln mit sich?
Ich sehe keine. Vielleicht, dass ich nie weiss, wieviel Arbeit ich bekomme. Doch bis jetzt hat es immer gut geklappt. Oder, dass man ein Produkt ist und auch so behandelt wird. Das finde ich nicht schlimm. Modeln zwingt mich dazu, auf meinen Körper zu achten, was ich gut finde. Ein negativer Punkt wären vielleicht Fake-Agenturen, die einen übers Ohr hauen wollen. Doch mit etwas Recherche kann man das umgehen.

Hattest du schon mit falschen Leuten zu tun?
Nicht gross. In den USA hat es viele davon, musste ich feststellen. So viele, dass ich nicht mehr gerne dahin gehe und lieber in Europa bleibe oder die östlichen Länder entdecke.

Oft wird gesagt, dass die Modelbranche hart ist. Wie empfindest du das?
Körperlich ist der Bau strenger. Mental kann es für Personen belastend sein, die beispielsweise Absagen oder Aussagen über das Aussehen persönlich nehmen. Absagen sind normal. Man kann nicht jedem Kunden passen.

Wie sieht deine Zukunft als Model aus?
Ich fühle mich wie zwanzig und kann mir gut vorstellen, diesen Beruf noch lange auszuüben. Solange ich fit bin und das Modeln Spass macht, mache ich weiter. Ich habe grosse Ziele und noch viel zu lernen über diesen Planeten.

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