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Ali Taheri gefällt es, im Rheintal zu leben. Hier macht der 19-Jährige eine Lehre als Sanitärinstallateur und widmet sich nebenher seiner Leidenschaft, dem Boxen. Er sagt: «Mir ist egal, woher jemand kommt und welcher Religion er angehört. Mensch ist Mensch.»
Ali Taheri gefällt es, im Rheintal zu leben. Hier macht der 19-Jährige eine Lehre als Sanitärinstallateur und widmet sich nebenher seiner Leidenschaft, dem Boxen. Er sagt: «Mir ist egal, woher jemand kommt und welcher Religion er angehört. Mensch ist Mensch.» (Bild: pd)

«Sport hat mein Leben gerettet»

Interview: Alena Tschümperlin Und Remo Zollinger Kommentare

Der 19-jährige Ali Taheri ist vor vier Jahren aus Afghanistan geflüchtet. Nun lebt er im Rheintal, macht eine Lehre und boxt.

Er ist im zweiten Lehrjahr, trainiert im Swiss-Boxing-Team und spricht Schweizerdeutsch. Das alles hat Ali Taheri sich hart erarbeitet. Vor vier Jahren ist er mit seiner Familie aus Afghanistan geflüchtet, in der Schweiz ist er aber allein angekommen.

Der 19-Jährige empfängt in seiner Wohnung in Au und bietet ein Glas Wasser an. Dann erzählt er ruhig, aber doch emotional seine Geschichte von Flucht, Familie und Heimweh.

Ali Taheri, Sie sind mit 15 Jahren aus der Heimat geflüchtet. Was führte dazu?

Ali Taheri: In Afghanistan leben Angehörige verschiedener Ethnien. Ich gehöre zu den Hazara, eine kleine Ethnie, die oft diskriminiert wird. Eines Nachts mussten wir weglaufen, weil mein Vater verfolgt wurde. Gemeinsam schafften es mein Vater, meine Mutter, meine fünf Geschwister und ich in die Türkei. An der Grenze habe ich sie verloren. Ich brachte einen langen Weg hinter mich, bis ich es in die Schweiz schaffte. Hier erfuhr ich, dass meine Familie zurück nach Afghanistan musste.

Wie ging es in der Schweiz weiter?

Ich lebte ein Jahr im Asylheim Thurhof in Uzwil, danach zwei Jahre in der Marienburg in Thal. Am Anfang war es sehr schwierig. Ich musste und wollte die Kultur kennenlernen und eine ganz neue Sprache lernen. Aber ich vermisste meine Familie und hatte grosses Heimweh. Ich gelangte an einen Punkt, an dem ich mich entscheiden musste: Entweder ich versinke in meinen Depressionen oder ich baue mir ein Leben auf. Ich entschied mich für Zweiteres. 

Sie entschieden sich für den Sport. Wie ging es los?

Zwei Jahre lang besuchte ich einen Deutschkurs. Daneben entdeckte ich das Boxen für mich. Schon früher in Afghanistan habe ich Karate gemacht, ich wollte unbedingt auch hier wieder einen Sport ausüben. Zuerst machte ich in Rorschach Thaiboxen. Der Club kam mir sehr entgegen: Da ich kein Geld hatte, um mein Hobby zu finanzieren, konnte ich Arbeiten übernehmen und so für meine Stunden bezahlen. Seit zwei Jahren bin ich nun beim Boxclub Au. Dort unterstützt mich Trainer Walter Walser sehr lieb. Ich durfte auch schon erste Kämpfe bestreiten, wegen Corona geht das aktuell aber nicht.

Wie hat der Sport Ihr Leben verändert?

Während andere in den Ausgang gehen, mache ich Sport. Das hat mein Leben gerettet, der Sport hilft gegen das Heimweh. Sport ist Motivation, Ziel, Disziplin. Und Boxen zeigt mir, wie ich stark bleiben kann: Ich habe zwar ein Team, aber im Ring stehe ich allein. Wenn ich aufgebe, habe ich verloren. Es ist wie im Leben. Zudem lernte ich im Boxclub viele Schweizer kennen und verbesserte so mein Schweizerdeutsch, was mir auch sehr wichtig war und ist.

Jetzt verdienen Sie Ihr eigenes Geld in der Ausbildung als Sanitärinstallateur bei der Firma HWT in Au.

Ja, und darüber bin ich sehr glücklich. Ich bin dankbar, dass mir der Betrieb eine Chance gegeben hat, einen Beruf zu erlernen. Als ich in die Schweiz kam, wusste ich nicht einmal, was eine Lehre ist. Jetzt bin ich im zweiten Lehrjahr. Nur reicht ein Lehrlingslohn nicht, um alle Kosten zu decken. Ich erhalte zusätzlich Unterstützung von der Sozialhilfe.

Wie fühlt es sich an, in der Schweiz zu wohnen?

Ich mag es sehr, hier leben zu dürfen. Die meisten Menschen sind sehr korrekt. Hier ist man pünktlich und alles muss perfekt sein. Ich habe nur sehr selten ein Problem, und wenn ich eines habe, wird mir gut geholfen. Trotzdem habe ich mich oft allein gefühlt. Bis ich meine jetzige Verlobte kennengelernt habe. Mit ihr möchte ich mein Leben verbringen.

Wie gestaltet sich der Kontakt zu Ihrer Familie?

Wir schreiben und telefonieren regelmässig. Mittlerweile wohnt meine Familie im Iran, wo sie jetzt mal zwei Jahre bleiben kann. Mein Wunsch ist es, sie in die Schweiz nachzuholen, damit sie an einem sicheren Ort wohnen kann. Da ich eine grosse Familie habe, ist die Chance, dass dies gelingt, aber gering. Deshalb ist es mein Traum, sie einfach zu besuchen. Nächsten Januar wohne ich fünf Jahre in der Schweiz. Dann ist das eventuell von den Reisebestimmungen her möglich.

Welche Pläne haben Sie für die Zukunft?

Ich möchte meine Ausbildung abschliessen und arbeiten, damit ich meine Familie unterstützen kann. Wenn ich bereit dazu bin, möchte ich mich auch weiterbilden. Ausserdem möchte ich Kinder unterstützen, die ein ähnliches Schicksal wie ich tragen, und weitergeben, was ich gelernt habe. Ich brauche kein Leben im Luxus, mir ist es wichtiger, Kindern und Menschen in Not helfen zu können. Zudem will ich weiter boxen. Mein grosses Ziel sind die Olympischen Spiele.

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