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Diepoldsau

Sich aufraffen, nicht abseits stehen

Gert Bruderer Kommentare

Man stelle sich vor: 20 Junge bringen je 15 Kollegen zur Bürgerversammlung mit. Gemeinsam stimmen sie für ein Projekt. Sie würden wohl gewinnen. Das Beispiel steht für die brach liegende Macht der Jungen.

DIEPOLDSAU. Junge Menschen haben in der Regel nicht den Wunsch, das Zepter zu ergreifen. Sie stehen unter beruflichem Druck und haben, was sie brauchen. Die Politik brauchen sie nicht.

Das ist auch Ausdruck von Zufriedenheit. Die Zeiten, als Jugendkulturen sich anschickten, den Ton anzugeben, sind seit drei Jahrzehnten vorbei. Anzeichen einer Auflehnung sind nirgends erkennbar. Nur vier Prozent der 16- bis 25-Jährigen meinten bei einer gross angelegten Umfrage im letzten Herbst, die Schweiz brauche Reformen.

In Diepoldsau diskutiert

Ist es der Wohlstand, der junge Menschen davon abhält, sich politisch zu betätigen? Abwegig ist die Frage nicht. Ein voller Bauch begünstigt die Bequemlichkeit. Sogar das Wort «lethargisch» fällt, in eine Frage eingebettet, als mit einem Dutzend junger Menschen über ihr Verhältnis zur Politik diskutiert wird – in Diepoldsau, wo die Bürgerschaft im letzten Sommer ein neues, grosszügig gestaltetes Dorfzentrum abgelehnt hat.

Ausgerechnet die Jungen, um deren Zukunft es geht, blieben der Abstimmung fern. Nur einmal loderte im Sturm, den Dorfplatzgegner entfacht hatten, ein Flämmchen der Jungen auf, als Leserbrief. Lorenz Hutter, angehender Bauführer und Unterzeichner des Meinungsbeitrags, hatte an einem Geburtstagsfest in die Runde geworfen: «Es kann doch nicht sein, dass wir Jungen nichts machen.»

Niemand mag sich binden

Auch landesweit, bei der Abstimmung zur Masseneinwanderung, hatten sich die Jungen zurückgehalten. Nur 17 Prozent der unter 30-Jährigen nahmen teil. Nachträglich sind viele Junge über sich selbst erschrocken.

Wenn es nicht gelingt, die Jungen einzubinden, ist das nicht den Jungen, sondern den politischen Parteien anzulasten. Das meint selbstkritisch Michael Jäger, der Präsident der Diepoldsauer FDP. Neben Gemeinderätin Myriam Geisser und OZ-Schulleiter Peter Witschi nimmt er an der Diskussion teil, zu der Bauverwalter Patrick Spirig eingeladen hat. Spirig kandidiert zwar für das Schulpräsidium, sagt aber: «I bi nöd varuckt, wenn i dem Zitigspricht min Name nöd erschint.»

Selbstkritisch geben sich in dieser Diepoldsauer Diskussion auch die Jungen. Sich eine Meinung in wichtigen Themen zu bilden, sei eben sehr aufwendig, sagt Lorenz Hutter. Es lässt sich heraushören: Aufraffen müsste man sich. Diego Spirig ergänzt: «Nicht jeder hat ein Umfeld, das die Auseinandersetzung mit Politischem begünstigt.»

Rafft sich jemand auf und liest sich in ein Thema ein, so ist er ganz auf sich gestellt. Ausdrücklich mag man sich nicht binden. Thomas Blank, 26-jähriger Nationalratskandidat aus Balgach, nennt die Scheu, sich zu verpflichten, das «Argument Nummer eins», das die Parteien zu hören bekommen. Skepsis spiele mit. Die Vorstellung von den Parteien als einer Walze, die von der Parteilinie abweichende Meinungen platt drücken könnte.

Den Vereinen geht es allerdings kaum besser. Karin Heinzelmann: «Kaum einer platzt aus allen Nähten.» Und Vereine sind nicht unbedingt ein Hort, in dem das Diskutieren ratsam ist. Thomas Percy sagt, die Politik sei im Verein ein heisses Eisen. Schweigen kann hier Streitvermeidung sein.

Nicht wirklich informiert

Doch zurück zum Diepoldsauer Dorfplatz. Wenn ein Achtzigjähriger sich diesem Thema nicht mehr widme, sei das nachvollziehbar, findet Peter Witschi. Doch die Jungen? Warum lassen sie das Mitbestimmen sein, wenn sie direkt betroffen sind? Tatsächlich dachte David Waibel, als er zum Diskussionsabend eingeladen wurde: «Stimmt schon: Wie der Dorfplatz aussieht, geht mich etwas an.» Louis Sieber ist bestechend ehrlich: «Manchmal diskutieren wir zwar im Kollegenkreis, doch wirklich informiert, worum es geht, ist niemand.» Vielleicht hängt das auch damit zusammen, dass man sich nicht ernst genommen fühlt.

«Wieso hat niemand von den Jungen der Dorfplatz-Fachgruppe angehört?», fragt Stefan Wüst rhetorisch. «Sind politische Gremien an der Meinung junger Menschen überhaupt interessiert?» Bauverwalter Spirig kommt bei dieser Frage die Energiestadtkommission in den Sinn. Er sagt: «Als die Gemeinde jemand Neuen suchte, wer kam in die Kommission? – Ein Pensionierter.»

Aber noch einmal: Wozu sich als Junger politisch betätigen? «Welchen Nutzen habe ich?», fragt Louis Spirig. Michael Jäger entgegnet: «Wer ein Amt ausübt, lernt diskutieren und argumentieren, gewinnt kostenlos Führungserfahrung.» Davon abgesehen, eignet er sich Wissen an. Nach zweistündiger Diskussion im Theorieraum des Feuerwehrdepots sagt Myriam Geisser: «Jetz han i echli aabisse.» Es wäre schön, sagt sie, könnte der Anlass, der sich dem Ende zuneigt, die Startsitzung für mehr sein. Myriam Geisser geht gleich mit gutem Beispiel voran: «Als Präsidentin der Einwohnerkommission würde ich die Sache übernehmen.» Sie meint die Verantwortung, die innerhalb der Gesellschaft nicht zum Fremdwort verkommen soll.

Ein Ende mit Humor

Jemand aus dem Kreis der Jungen sagt: «Ich müsste lügen, würde ich behaupten, darauf hätte ich gewartet, aber Ja, ich mache mit, gewisse aktuelle Themen interessieren mich durchaus.» Man scheint sich einig, ist dabei. Andreas Odermatt zeigt, dass Humor zur Selbstkritik gehört. Zu Lorenz Hutter sagt er: «Wir sind dabei, damit du keinen Leserbrief mehr schreiben musst – den sowieso nur die Älteren lesen.»

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