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Alina (rechts) mit einer Kollegin unterwegs in Antwerpen.
Alina (rechts) mit einer Kollegin unterwegs in Antwerpen.

Raus aus dem Rheintal, rein in eine fremde Stadt

Alina Graber Kommentare

Alina verabschiedete sich für ein halbes Jahr vom Rheintal. Sie verbringt ein Auslandsemester in Antwerpen, der belgischen Stadt mit dem zweitgrössten Hafen Europas. Wie sich dieses Abenteuer in der Fremde anfühlt und in welchen Situationen sie ihre Komfortzone verlassen muss, beschreibt sie mit ehrlichen Worten.

Name: Alina Alter: 22 Wohnort: Kobelwald / Antwerpen Beruf: Multimedia Production Studentin

Wenn du erst ankommst in deinem neuen Zuhause, deiner neuen Stadt, dann ist alles anders. Du springst rein ins Vergnügen. Du wirst regelrecht überschwemmt von den vielen Eindrücken. Dachte ich zumindest. Das Ganze lief aber viel ernüchternder ab, als ich mir vorgestellt hatte. Es begann mit einem Zwischenfall im Spital. Zwei enge Freunde haben mich nach Antwerpen begleitet. Wir entschieden uns, die Reise noch ein wenig auszudehnen und zwei Nächte in Paris einzulegen. Plötzlich bekam ich Schluckweh und es folgten höllische Schmerzen. Mit den Worten «You have to wait at least four hours to see a doctor», verliess ich heulend die Notfallstation in Paris. Wir machten uns auf den Weg zum Bahnhof und einige Stunden später lag ich im blau-weissen Kittel in einem Spitalbett in Antwerpen. Nach einigen Tagen im Bett war ich zum Glück wieder auf den Beinen.

In der ersten Zeit in Antwerpen habe ich mich im übertragenen Sinn an alles geklammert, was ich greifen konnte. Egal ob das andere Studierende waren oder das Café an der Ecke, Korsakov heisst es, das mich sofort angesprochen hat. Ich verabredete mich mit anderen Studierenden aus dem Ausland und trank den einen oder anderen Kaffee allein. Ich habe sehr viele neue Menschen kennengelernt. Darunter viele flüchtige Bekanntschaften, aus denen vielleicht mehr hätte werden können, doch wir verpassten es, Kontakte auszutauschen. Die Stadt fühlt sich oft an wie ein Dorf. Ich treffe dieselben Menschen immer wieder, andere verliere ich aus den Augen.

Bevor ich mich auf den Weg nach Antwerpen machte, war ich mir sicher, dass einige wirklich bittere Tage auf mich zukommen würden. Schliesslich würde ich meine Familie und Freunde nicht mehr sehen, mit denen ich zuvor fast täglich in Kontakt war. Ich stellte mich darauf ein und wollte es einfach passieren lassen. Nun bin ich seit knapp zwei Monaten hier, doch das erwartete Gefühl stellte sich nicht ein. Selbst als ich im Spital war, fühlte sich die Situation eher lächerlich als unangenehm an.

Mittlerweile fühle ich mich hier zu Hause, was ich grösstenteils Michel, meinem Vermieter, und meinen beiden «roommates», Cynthia und Manuela, zu verdanken habe. Wir alle haben ab und zu eine Krise, weinen, nehmen uns in den Arm und bilden eine temporäre Familie. Ich bin mir sicher, würde ich in einem Zimmer in einem Studentenwohnheim wohnen - einem sogenannten «Kot» – hätte ich mehr Mühe, schwierige Momente durchzustehen. Antwerpen ist eine Studentenstadt, und manche Studierende, die ich kennengelernt habe, wohnen mit bis zu 40 anderen zusammen. An den meisten Orten leben sie eher aneinander vorbei, als dass sie miteinander eine Gemeinschaft bilden.

Jemand meinte zu mir: «You are living such a fast life.» Das wurde mir erst bewusst, als es mir gesagt wurde. Das trifft komplett zu, und genau darin liegt die ganze Spannung, aber auch der Schmerz. Ich durchlebe ein ziemliches Gefühlschaos, von super aufgedreht bis zu «heute mag ich eigentlich nicht raus». Das ergibt für mich auch total Sinn, denn ich ziehe ständig mit anderen Leuten rum und erlebe an manchen Tagen sehr viel. Andere Tage hingegen sind einfach nur langweilig und ich weiss nicht, was ich anfangen soll. Ich schwanke zwischen «ich will nach Hause» und «verdammt, ich habe nur noch 3 Monate in dieser wundervollen Stadt». Diese Gefühle entstehen aus der fehlenden Routine und dem kompletten Verlust meines Umfeldes. Ich habe sehr wenig Vorlesungen, was das Ganze nicht besser macht, aber anscheinend normal ist für Studierende im Auslandsemester.

Ich versuche das Beste aus meinem Aufenthalt zu machen und eine Balance zwischen Unterhaltung und Unterricht zu finden. Oft fehlt mir der Blick fürs grosse Ganze und ich muss mir immer wieder sagen, dass ich eine begrenzte Zeit in Antwerpen verbringe. Das hilft mir, Zeit und Kraft in Menschen oder Dinge zu investieren, die es wirklich wert sind.

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