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Francisca ist in Angola geboren und kam mit ihrer Familie als drei Monate altes Baby in die Schweiz. Diepoldsau ist ihr Zuhause. In Angola war sie noch nie.
Francisca ist in Angola geboren und kam mit ihrer Familie als drei Monate altes Baby in die Schweiz. Diepoldsau ist ihr Zuhause. In Angola war sie noch nie.

«Rassismus ist ein Teil meines Lebens»

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Die Protest-Welle gegen Rassismus weitet sich aus. Sie lässt tausende Menschen auf der Strasse demonstrieren, entzündet Debatten um Mohrenköpfe und Fragen nach der Herkunft. Wie empfindet eine dunkelhäutige, junge Frau aus dem Rheintal die Geschehnisse? Francisca nimmt Stellung zu Demos und dem Wort «Neger».

Name: Francisca Alter: 21 Wohnort: Diepoldsau Beruf: Praktikantin an der HPS Heerbrugg und Fitnesstrainerin

In welcher Form erfährst du Rassismus im Alltag?
Seit ich ein kleines Mädchen bin, ist Rassismus ein Teil meines Lebens. Als meine Familie und ich nach Diepoldsau kamen, waren wir die einzigen Dunkelhäutigen im Dorf. In der Unterstufe wurde ich ausgegrenzt und gehänselt. Damals habe ich diese Schikane nicht als rassistisch aufgefasst. Es war mir nicht klar, dass meine Hautfarbe dieses Verhalten auslöste. Erst in der Mittelstufe wurde ich mir dessen bewusst. In der Oberstufe fand ich neue Freunde, die mich gut integrierten. Dennoch hatte ich immer das Gefühl, mich mehr beweisen zu müssen als andere, um akzeptiert zu werden.

Mit welchen Vorurteilen wirst du konfrontiert?
Nach der Schule habe ich eine Ausbildung als Friseurin gemacht. Immer wieder sind mir Kunden begegnet, die sich wunderten, warum ich so gut Schweizerdeutsch spreche. Manche wollten erst gar nicht von mir bedient werden. Solche Situationen haben mich getroffen, da sie mir vermittelten, nicht gut genug zu sein. Dabei hat Hautfarbe nichts mit Intelligenz zu tun.

Du arbeitest an der HPS in Heerbrugg. Wie haben die Kinder auf dich reagiert?
Die Reaktionen waren durchaus positiv und niemand hat sich rassistisch geäussert. Die Kinder sind sehr direkt und unkompliziert. Wenn sie etwas nicht verstehen, fragen sie nach. Zum Beispiel haben sie mich auf meine hellen Handflächen und Fusssohlen angesprochen oder meinen Afro lustig gefunden.

Spielt die Hautfarbe bei der Partnerwahl eine Rolle?
Nein, gar nicht. Mein jetziger Freund ist der erste mit dunkler Hautfarbe, mit dem ich zusammen bin. Ich achte darauf, ob der Mensch zu mir passt und nicht seine Farbe.

Wie stehst du zur «Black Lives Matter»-Bewegung?
Einerseits finde ich es schön zu sehen, wie die Bewegung Menschen zusammenbringt. Anderseits frage ich mich: Warum erst jetzt? Und was passiert nach diesem «Trend»? Ich habe absichtlich an keinen Demos teilgenommen. Um etwas zu bewirken, beginne ich bei mir selber und mit Gesprächen in meinem Umfeld.

Die Frage «Woher kommst du?» hat gegenüber dunkelhäutigen Menschen einen problematischen Unterton. Sie könnte verdeutlichen, nicht von hier zu stammen. Wie denkst du darüber?
Ehrlich gesagt höre ich das jetzt zum ersten Mal und finde es übertrieben. Für mich ist diese Frage okay und nicht rassistisch. Ich bin dunkelhäutig. Das ist offensichtlich. Wenn sich jemand für meine Herkunft interessiert, ist das völlig in Ordnung.

Auch über den Mohrenkopf und den korrekten Namen der Süssigkeit wird hitzig diskutiert. Zu Recht?
Diese Diskussion finde ich unnötig und verstehe das Problem nicht. Ich verbinde das Wort Mohrenkopf nicht mit einer Beleidigung. Ebenso wenig wie das Spiel «Wer hat Angst vorm Schwarzen Mann». 

Wenn du etwas tun könntest gegen Rassismus, was wäre das?
Ich würde das Wort Neger oder «Nigga» aus dem Wortschatz verbannen. Dunkle wie helle Menschen sollten das nicht sagen. Auch nicht wenn man es als Synonym für «Bro» verwendet. Ich würde mir wünschen, dass sich Menschen ohne Vorurteile begegnen und offener miteinander umgehen. Nicht nur gegenüber Schwarzen.

 

 

 

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