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«Poledance darf sinnlich sein»

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Knappe Kleidung und sexy Bewegungen? Ja, aber Poledance ist vielmehr als das. Die Geschichte dieser Sportart reicht weit zurück. Von der traditionellen asiatischen Akrobatik, über Stangentanz im Wanderzirkus und Girlie-Shows in Stripclubs bis zum Workout in Tanzstudios. Cristin führt ihr eigenes Polestudio und erzählt von der Faszination der Sportart. Übrigens: Die knappe Kleidung dient dazu, mit der Haut besser an der Stange zu haften.

Name: Cristin Alter: 30 Wohnort: Marbach Beruf: Poledanceinstruktorin

Cristin, wo hast du deine ersten Poledance-Erfahrung gesammelt?
Aus Spass und ohne Erwartungen besuchten meine Kolleginnen und ich einen Kurs ausserhalb des Rheintals. Der Sport hat mich gepackt und aus Spass wurde ernst. Ich nahm regelmässig an Lektionen teil und wurde nach einiger Zeit selbst Trainerin in jenem Studio.

Was faszinierte dich bereits nach der ersten Lektion?
Ich nahm ohne Vorkenntnisse am Kurs teil und beherrschte kurze Zeit später bereits viele Bewegungen. Dass nach einer Lektion so viel möglich ist, motivierte mich. Ausserdem faszinierte mich die Ästhetik. Durch das Tanzen können Emotionen transportiert werden. Es ist wie ein Schauspiel. Zudem kann man jeden Tanzstil einbringen. Sei es Contemporary, Hiphop oder auch einen erotischen Part.


Im September 2014 hast du dein eigenes Studio eröffnet. Wie kam es dazu?
Das Pendeln empfand ich mit der Zeit als ziemlich anstrengend. Somit machte ich mich auf die Suche nach einem Raum in der Nähe, wo ich eine Stange aufstellen und selbst trainieren konnte. Fündig wurde ich in Rebstein. Der Raum war etwas gross für eine Stange und in mir entwickelte sich der Wunsch, mein Können weiterzugeben. Da mich Freunde und Familie ermutigt haben, wagte ich den Schritt und eröffnete mein eigenes Poledance-Studio «Poleria».

Wie hat sich das Angebot entwickelt?
Ich begann mit einem Kurs pro Woche und habe das Studio an den anderen Tagen zur Untermiete angeboten. Schnell hat sich herumgesprochen, dass ich Kurse leite und die Nachfrage stieg. Bei meinem damaligen Arbeitsgeber musste ich etwa alle zwei Monate um weniger Arbeit bitten. Als ich nach zwei Jahren bei 40 Prozent ankam, entschied ich mich, meinen Job als Medizinische Praxisangestellte zu kündigen und mich Vollzeit auf das Studio zu konzentrieren. Mittlerweile sind wir sechs Trainerinnen und etwa 100 Teilnehmerinnen zwischen 16 und 60 Jahren.

Wie fühlt sich die Selbstständigkeit an?
Mega cool! Ich kann sowieso nicht lange ruhig sitzen, will ich auch nicht. Mein ursprünglicher Plan war, das Studio zwei Jahre zu führen und danach wieder etwas anderes zu machen. Es wurden fünf Jahre und jetzt nach acht Jahren gibt es keinen fixen Zeithorizont mehr. Ich dachte immer, irgendwann wird mir das zu langweilig und alles wiederholt sich. Dem ist nicht so. Mittlerweile sind wir wie eine grosse Familie.

Was begeistert dich an deinem Beruf als Tanzlehrerin?
Ich liebe es, die Entwicklung der Teilnehmenden zu sehen. Es ist spannend zu beobachten, was sie allein durch Motivation erreichen. Das Schöne an Poledance ist, dass man in jedem Alter beginnen kann und keine Vorkenntnisse braucht.

Wie hast du den Wandel der Sportart miterlebt?
Es ist einiges gegangen in der Poleszene. Vor zehn Jahren bestand der Sport hauptsächlich aus Tricks und wenig tänzerischen Elementen. Danach waren extreme Flexibilitätsmoves im Trend. Jetzt entwickelt sich der Sport wieder etwas mehr Richtung Kreativität mit viel tänzerischem Einfluss. So wird Poledance aktuell auf unterschiedlichste Weise ausgeübt. Sei es sportlich, erotisch, mit oder ohne High Heels, theatralisch oder bis hin zur Pole-Comedy - es ist alles möglich.

Wie stehst du dazu, dass Poledance oft sexualisiert wird?
Ich kämpfe dafür, dass ich mich erotisch bewegen darf, ohne dass dabei mein Gegenüber sein Kopfkino nicht im Griff hat. Ja, wir tanzen gerne sinnlich und auch in High Heels und das ist völlig okay. Poledance darf erotisch sein, ist ja nichts dabei. Es wäre schön, Erotik mit Stil zu zeigen, ohne dass es falsch verstanden wird. Vielmehr soll die Arbeit und Ästhetik dahinter gesehen werden. Ich tanze für mich selbst.

Wie sind die Reaktionen, wenn du von deinem Beruf erzählst?
Inzwischen kennen mehrere Leute die Sportart und sagen, sie haben gehört, dass es anstrengend sei. Früher musste ich mich öfter erklären, da Poledance noch nicht so verbreitet war. Aber auch heute erhalte ich manchmal Reaktionen auf Bilder, bei denen ich denke, da braucht es noch Aufklärung. Doch es ist für mich okay gegen die Normen zu rebellieren und anzuecken.

Interessieren sich auch Männer für den Sport?
Ja, ich habe auch schon Kurse an Polterabenden geleitet. Die meisten denken zu Beginn, es sei easy. Doch das ändert sich schnell. In anderen Ländern ist Poledance für Männer stärker verbreitet. Ich denke, es ist durchaus ein cooler Sport für Männer. Ich fördere es jedoch nicht besonders, dass Männer in meine Kurse kommen, da der Aufbau für Männer und Frauen aufgrund der Körpertypen ein ganz anderer ist. Es bräuchte getrennte Kurse für die verschiedenen Bedürfnisse.

Was wünschst du dir für die Zukunft dieser Sportart?
Ich finde es cool, dass momentan in der Wettkampfklasse Frauen zwischen 30 und 40 Jahren stark vertreten sind. Es gibt auch Weltmeisterschaften. Beim Poledance wird oft die Kreativität bewertet und die Interpretation des Songs. Somit haben auch Teilnehmende in einem «höheren» Alter gute Chancen, da sie Emotionen oft gut transportieren können. Ich hoffe, Poledance bleibt ein kreativer Sport und wird nicht zum Leistungssport.

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