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Altstätten

Das Spiel der Schülerinnen und Schüler wirkt ungekünstelt. Ihr Anliegen «miteinander statt gegeneinander» überzeugt inhaltlich wie künstlerisch.
Das Spiel der Schülerinnen und Schüler wirkt ungekünstelt. Ihr Anliegen «miteinander statt gegeneinander» überzeugt inhaltlich wie künstlerisch. (Bild: Christof Gruber)

Migration als Chance für eine bessere Welt

Maya Schmid-Egert Kommentare

Das Migrationstheater der 6.Klasse Wiesenau in St. Margrethen ist ein Lehrstück in Sachen Menschlichkeit. Dennoch kommt es leicht und poetisch daher. Es verdient, öfter aufgeführt zu werden.

Ob «Tahirovic» und «Toeltl», die beiden «berühmtesten St. Margrether», heute Abend wohl auch kommen werden?, fragt Walter Künzler vor Theaterbeginn in die «Diogenes»-Ränge. Der Scherz verfängt, alle lachen. Doch der Besucher des Migrationstheaters ist am Samstag den Weg von
Lutzenberg nach Altstätten nicht gefahren, um die beiden schweizweit bekannten Streithähne zu
sehen, sondern: «Um zu erfahren, was von Migration betroffene Kinder zu sagen haben.»
Er sollte nicht enttäuscht werden: Die Sechstklässler und Sechstklässlerinnen von Samuel Kunz haben etwas zu sagen, leben sie doch in der Gemeinde im Rheintal, die mit fast 50 Prozent Ausländern am meisten mit der Migrationsfrage tangiert ist.
Seit einem Jahr befasst sich die Klasse mit dem Thema, mit der Suche nach den eigenen Spuren, der eigenen Geschichte. Dies als Beitrag zum Migros-Kulturprozent-Projekt conTAKT-spuren. «Entstanden sind selbst verfasste Texte, die Regisseurin Claudia Rohrhirs zusammengefügt und in einen Rahmen gesetzt hat», erklärt Schulleiter Michel Bawidamann vor Theaterbeginn.  Obwohl der Begriff Migration für viele negativ besetzt sei, sei daraus ein zuversichtliches und auch lustiges Stück entstanden.

Die Kämpfe der Vergangenheit
Un, deux, trois, . . . zählen die Kinder den Countdown. Alphörner erklingen. Ein Mädchen mit umgebundener Küchenschürze erinnert an Migranten vergangener Jahrhunderte: «Die Kelten waren da, die Römer, die Habsburger – und die Appenzeller!» Der feine Seitenhieb auf das Schweizervolk, das sich manchmal sogar selber fremd ist, sorgt für den ersten Lacher. Dann wird’s wieder ernst. «Alle haben gegeneinander gekämpft, alle haben ihre Spuren hinterlassen», sagt das Mädchen. St. Margrethen, beschreibt sie hoffnungsvoll ihr Dorf, sei aber das Tor zu einer besseren Welt. «Einer, wo man miteinander und nicht gegeneinander lebt.» Ein Flüchtlingsbub betritt die Bühne, die weitgehend mit einer weissen Bank und einem mit Efeu umwickelten Mikrofonständer auskommt. Er sitzt ab, stellt seinen Koffer ab, sucht im Abfalleimer nach Essbarem. «Manche kommen mit leerem Bauch, aber einem Koffer voller Erinnerungen», sagt eine Stimme.

Stark inszeniertes Stück
Es ist die erste von mehreren Szenen, in der es um Flüchtlinge geht, dem an der Migration nächsten Thema. Als Kitt der sonst lose zusammengewürfelten Alltagsszenen tragen diese Szenen die Handschrift der erfahrenen Regisseurin, bilden eine zweite, tiefere Ebene. So lässt Claudia Rohrhirs den Buben stumm agieren, dafür Bilder umso eindringlicher sprechen: Wenn der Bub auf der Bank schläft, von seiner Mutter träumt, nach ihr ins Leere greift, der Nebel sie langsam verschleiert, schwarze Männer, mehr und mehr, auftauchen, alles um ihn herum schwarz wird. Die Stimme sagt: «Wenn die Erinnerung verblasst, dann bist du auf der Flucht.» Doch Migrant ist nicht gleich Flüchtling. Dies zeigen die Alltagsszenen, in denen die Spielfreude der Kinder zum Ausdruck kommt, die hier als Rapper, Schüler, Arbeiter ihre eigenen Geschichten darstellen. In jeder wird die Frage nach den Eltern gestellt, und die Antworten sind so vielfältig wie die Menschen selbst. Und immer wird gleich darauf reagiert: «Oh, schöne Geschichte!» Dass das nicht alle so, mit dem wohlwollenden Blick der Kinder sehen, zeigt der Friedenssong, den die Klasse nun anstimmt: Bob Dylans «Blowin In The Wind» in der deutschen Version «Wie viele Strassen».
Am Schluss erklingt nochmals das Alphorn. Und das Mädchen mit der Schürze wiederholt, weil man es wohl nicht oft genug sagen kann: «Alles geht besser miteinander statt gegeneinander.»
Schade, dass die beiden «berühmtesten St. Margrether» die Botschaft der Kinder nicht gehört haben.

Am 18. März um 17 Uhr ist das Migrationstheater zum letzten Mal zu sehen. Wer es nicht ins Kinotheater Madlen in Heerbrugg schafft, kann die 6. Klasse Wiesenau auch für einen Auftritt anfragen.

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