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Ein frisches Baguette riecht wunderbar.
Ein frisches Baguette riecht wunderbar. (Bild: depositphotos/reflex_safak)

Jesus als Wunderbrot

Andrea Hofacker Kommentare

«Ich bin das Brot des Lebens. Wer zu mir kommt, wird nicht mehr Hunger haben, und wer an mich glaubt, wird nie mehr Durst haben.» (Joh 6, 35)

«Wonderbread», Wunderbrot, so heisst eine Brotmarke in den USA. Die Künstlerin Corita Kent hat in den Sechzigerjahren diesen Namen und das Logo der Marke in Zusammenhang gesetzt mit dem Wort von Jesus: «Ich bin das Brot des Lebens.»

Jesus als Wunderbrot, das mag erst einmal eine komische Vorstellung sein, aber Jesus hat sehr oft Symbole und Bilder benutzt, die mit dem Brot zu tun hatten.

Brot ist ein einfaches, alltägliches und doch lebenswichtiges Lebensmittel, das von fast allen Menschen auf der Erde jeden Tag gegessen wird, ein Zeichen, das alle verstehen können.

Und doch hat Brot auch etwas Magisches an sich: Ein gutes Brot zu backen, ist auch heute noch eine Kunst, und wer schon mal an einem ofenfrischen französischen Baguette gerochen hat, wird bestätigen können, dass Brot wunderbar riechen kann, eben «Wonderbread».

Beim Abendmahl feiern wir evangelischen Christen die Ge­genwart Jesu in Brot und Wein. Manchen Menschen kommt das wohl sehr abstrakt vor, anderen sehr heilig, so, als würde man Jesus essen und trinken. Mir persönlich kommt es sehr geerdet vor, sehr nahe am Alltag, an den Menschen. Brot und Wein sind schlichte Symbole für das, von dem wir uns ernähren. Sie sind alltäglich und doch sind sie wunderbar, denn es ist ein kleines Wunder, wie man aus Weizen und Hefe, Salz und Wasser etwas so Schmackhaftes wie einen Laib Brot herstellen kann.

Die christliche Religion sehe ich auch so. Sie will sich nicht berauschen an grossen, weltfremden Ritualen, sondern sie will bei den Menschen sein, bei ihrem Alltag, bei ihrem Hunger und Durst, ihren alltäglichen Bedürfnissen. Hunger und Durst müssen dabei nicht wörtlich gemeint sein, es kann auch bedeuten: Hunger und Durst nach Anerkennung, nach Liebe, nach Gemeinschaft, nach Frieden oder Gerechtigkeit. Mit seinem einfachen, aber eindrücklichen Leben hat Jesus gezeigt, dass Wunder zwischen Menschen möglich sind, wenn sie ein paar Regeln befolgen. Auch dafür ist das Brot ein gutes Symbol. Denn ein zufriedenes und ein gutes Leben für alle Menschen ist nur in Gemeinschaft möglich, nur wenn wir unseren Wohlstand teilen mit denen, die nichts haben. Und da ist es gut, dass ein Brot für einen Menschen am Tag zu viel ist, und dass es sich deshalb anbietet, mit den anderen zu teilen, bevor das gute Brot verdirbt. Jesus hat mit 5000 Menschen fünf Brote geteilt. Es hat für alle gereicht. Wer weiss, vielleicht werden manche Dinge sogar mehr, wenn man sie teilt, so wie das «Wunderbrot»?

Andrea Hofacker

Pfarrerin in Marbach