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  • Christina Niederer und Nikolai Babin trainierten nur kurz zusammen.
    Christina Niederer und Nikolai Babin trainierten nur kurz zusammen. (Raya Badraun)
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    Christina Niederer und Nikolai Babin trainierten nur kurz zusammen. (Raya Badraun)
  • Christina Niederer und Nikolai Babin trainierten nur kurz zusammen.
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Im Hörsaal statt auf dem Eis

Raya Badraun Kommentare

Im Sommer trainierte die St. Galler Eistänzerin Christina Niederer für internationale Auftritte noch in Moskau. Nun studiert sie an der Universität St. Gallen. Geplant war dieser Wechsel nicht.

EISKUNSTLAUF. Es herrscht Hochbetrieb im Bibliotheksgebäude der Universität St. Gallen. Fast alle Tische der Mensa sind besetzt. Studenten diskutieren, Blättern in Büchern oder tippen auf der Tastatur ihres Laptops. Christina Niederer, schwarzer Pullover, karierter Schal, sitzt mittendrin – und strahlt. Seit diesem Herbst studiert die 19jährige Wirtschaft an der HSG. «Das war die beste Entscheidung meines Lebens», sagt Christina Niederer, die ihre Eiskunstlauf-Karriere beim Eislaufverein Mittelrheintal in Widnau startete und dort jahrelang trainierte. Es ist gut möglich, dass die Eistänzerin nie mehr einen Wettkampf bestreitet. Geplant war das nicht.

Im vergangenen Sommer träumte Christina Niederer noch von einer Teilnahme an der EM. Dafür reiste sie mit ihrem Partner Nikolai Babin im Juni nach Russland. In Moskau lebte sie in einer Ein-Zimmer-Wohnung. Jeden Morgen stand sie um 5 Uhr auf, um mindestens sechs Stunden zu trainieren. Dieses neue Leben sei sehr hart gewesen, sagt Christina Niederer. Dennoch habe es ihr gefallen. «Meinen Sommer hätte ich nicht anders verbringen wollen», sagt die Ostschweizerin, die eine russische Mutter hat. Nach dem Training lief sie manchmal stundenlang durch die Stadt, schaute sich die pompöse Architektur und die weitläufigen Parkanlagen an. Auch die direkte und spontane Art der Russen sagte ihr zu. «Russland ist ein Teil von mir», sagt Christina Niederer. Sie könne sich deshalb gut vorstellen, nach dem Studium ein paar Jahre in Moskau zu arbeiten. Das Training in der Metropole hatte hingegen ein Ablaufdatum.

Kein Visum für ihren Partner

Nikolai Babin und Christina Niederer hatten ihr Programm bereits einstudiert. Auch für einen internationalen Wettkampf waren sie angemeldet. Im weissrussischen Minsk wäre es im Oktober um die erste Qualifikationshürde für die EM gegangen. Doch die Bürokratie machte den beiden Eistänzern einen Strich durch die Rechnung. Das Schweizer Visum für Nikolai Babin wurde abgelehnt. Auch in Russland durfte sich der Ukrainer nur für drei Monate aufhalten. Wo sollten die beiden also bis zum Wettkampf trainieren? Im August folgte der nächste Dämpfer. Als eine Hebefigur schief lief, erlitt Christina Niederer eine Gehirnerschütterung. Um sich zu erholen, reiste sie mit ihrer Mutter in die Türkei ans Meer. Der Abstand tat der Studentin gut. Endlich hatte sie Zeit, sich alles durch den Kopf gehen zu lassen. Das fehlende Visum. Die lange Verletzungspause. Innerhalb von einem Tag entschied sie sich. Christina Niederer wollte zurück in die Schweiz und studieren. Bereits im Frühling hatte sie sich an der Universität St. Gallen angemeldet, da sie nicht wusste, ob ihr Traum in Erfüllung gehen würde. So war es für sie leicht, sich wieder einzuschreiben. Ihr Partner Nikolai Babin kehrte zu «Holiday on Ice» zurück, wo er bereits im vergangenen Winter unter Vertrag war.

Kaum Gedanken ans alte Leben

Das ist nun über vier Monate her. Seit dem Sturz war Christina Niederer nie mehr auf dem Eis gewesen. Auch Wettkämpfe hat sie keine mehr verfolgt. Sie hat gar vergessen, dass an diesem Wochenende die Schweizer Meisterschaft stattfinden wird. Dort wollte sie ursprünglich die zweite Hürde auf dem Weg an die EM nehmen.

«Obwohl das Eiskunstlaufen ein grosser Teil meines Lebens war, vermisse ich es überhaupt nicht», sagt Christina Niederer. «Immerhin ist das Studium eine sehr gute Alternative – vor allem wenn man an die Zukunft denkt.» Sie lächelt, ihre Augen strahlen. Die Freude an ihrem neuen Leben sieht man ihr an. Dennoch lässt die frühere Tänzerin und Eiskunstläuferin offen, ob sie dereinst wieder auf das Eis oder das Parkett zurückkehren wird. Noch immer trainiert sie sechsmal pro Woche Ausdauer und Fitness. Für ihre Zukunft will sie alle Türen offen halten.