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Ihr Ziel war einst das Hallenstadion

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Als Kinderensemble gegründet, stehen die Mitglieder von Neptun inzwischen seit elf Jahren auf der Bühne. Einstige Träume haben sie relativiert, ein Funken Hoffnung auf den grossen Durchbruch ist geblieben.

«Zum Glück haben die beiden so viel Zeit in die Musik investiert. Es gibt in jungen Jahren definitiv schlechtere Beschäftigungen.» Es sind Sätze, wie sie nur stolze Mütter sagen. In diesem Fall stammen sie von Petra Rohner, Mutter zweier Bandmitglieder von Neptun. Proben, Auftritte, Studioaufnahmen, Musiklektionen: Das Familienleben des letzten Jahrzehnts war geprägt von Rockmusik. 

Auch an diesem Dienstagabend sitzen Gitarrist Fabian Rohner (21), Bassist David Rohner (19), Schlagzeuger Yannick Lenherr (23), Gitarrist Elias Schmid (19) und Sängerin Miah Dolder (18) im unterkühlten Luftschutzkeller des Rheinecker Kirchgemeindehauses. Während zwei Stockwerke höher im warmen Saal die Kirchbürgerschaft über Fusionspläne diskutiert, surrt in der Ecke des kleinen Raumes der Luftentfeuchter, der die Instrumente vor dem Zerfall bewahrt. «Für gerade einmal 20 Franken im Monat können wir nicht klagen», sagt Fabian Rohner. Im Keller der Kirchgemeinde probte vor Jahren bereits die Rheinecker Band Woodbridge. An diese Zeiten erinnert heute nur noch ein Verstärker in der Ecke, den Neptun mit dem Einzug in den Keller fast ehrfürchtig übernehmen durfte. «Woodbridge war uns immer ein Vorbild», sagt Rohner über die Hardrockband, die sich inzwischen aufgelöst hat.

Neptun 2013, noch in Originalbesetzung: Ellla und Yanis Peterer, Vanessa Ferraro, Yannick Lenherr, Fabian und David Rohner (von links). (Bild: pd)

Ans Ende der eigenen musikalischen Karriere hat Neptun nie gedacht. Auch nicht, als sich zwei Mitglieder der Originalbesetzung aus dem 2011 an der Musikschule Am Alten Rhein gegründeten Ensemble verabschiedeten. Und nicht, als sich die langjährige Sängerin Vanessa Ferraro ausklinkte und es ihr die neue Frontfrau vier Jahre später gleichtat. «Wir kamen in die Lehre, besuchten weiterführende Schulen – klar, dass da nicht mehr alle gleich viel Zeit für die Musik opfern wollten», sagt Fabian Rohner, angehender Wirtschaftsingenieur. Zusammen mit seinem Bruder David, Elektroniker, und Yannick Lenherr, Maurer, gehört der Rheinecker zu den Gründungsmitgliedern und sieht sich heute auch als eine Art Organisator, der in der Band die Fäden zusammenhält, Gigs an Land zieht oder Studioaufnahmen bucht. 2015 ist der heutige Medizinstudent Elias Schmid aus Rheineck dazugestossen, seit Ende letzten Jahres besucht  ausserdem die Kantonsschülerin Miah Dolder aus Altstätten die wöchentlichen Proben, nachdem sie im Casting überzeugt hatte. Die Freude an der Musik, die Freundschaft, aber auch der Traum vom grossen Erfolg treibt den Kern der Band an. «Anfangs wollten wir es noch ins Hallenstadion schaffen», erinnert sich David Rohner, nicht ohne über seinen Bubentraum zu schmunzeln. Doch die ersten Auftritte am «Rock the Wolves» in Wolfhalden, bei «Musig am See» in Staad und die ersten überragenden Bewertungen bei Musikwettbewerben wie «Rheintal Soundz» und «BandXOst» befeuerten damals die Träume, zumindest eine Zeit lang.

Die Band im Jahr 2017. (Bild: pd)

Weg von den Publikumsschlagern

Dass es schwierig werden würde, in der Schweizer Musikszene Fuss zu fassen und über Auftritte an Volksfesten hinauszuwachsen, spürte die Band spätestens, als sie den Schritt in die Selbständigkeit wagte. 2015 löste sie sich vom Ensemble der Musikschule, zügelte vom Schulzimmer in den Luftschutzbunker und begann, neben bekannten Rock-Covers eigene Songs zu spielen. Weg vom Flying-Koteletts-Programm, hin zur künstlerischen Selbstverwirklichung. «Inzwischen sind es mehr eigene Songs geworden – aber sie entsprechen nicht dem, was in der breiten Masse zieht», sagt Fabian Rohner, der weiss, dass sich grössere Erfolge nur einstellen, wenn die Lieder über den Äther des nationalen Radios gehen.

Den Musikstil anzupassen, zum Beispiel in die Indie-Ecke abzudriften, weg vom harten Sound à la Guns n’Roses oder Greenday, kommt für die Band trotzdem nicht in Frage. «Wir müssen keine grossen Stars werden», winkt Yannick Lenherr ab, «es geht hier vielmehr um die Leidenschaft für die Musik.»

2018 mit neuer Sängerin. (Bild: pd)


Zwei Brüder in einer Band: Fabian (links) und David Rohner im Jahr 2019. (Bild: Urs Rohner)

Heltin Guraziu, Musiklehrer und Betreuer des einstigen Ensembles, lobt den Antrieb, sieht die Zukunft aber deutlich optimistischer: «Neptun hat sehr viel Potenzial. Mit ihrem Talent und dem musikalischen Wissen könnten es die fünf definitiv weiterbringen, sofern sie dranbleiben und Durchhaltewillen beweisen.»

Durchgehalten hat die Band auch, als sie 2020 von der Pandemie ausgebremst worden war. Das Konzert am Heerbrugger Festival «Sommer im Park» fiel ins Wasser, viele weitere Auftritte wurden abgesagt, sogar der geplante Videodreh im Rheinecker Waisenhaus zum zehnjährigen Bestehen musste auf unbestimmt vertagt werden. Es war, als hätte jemand die Stopp-Taste gedrückt. Neptun reagierte, probte zeitweise per Livestream und spielte ein Akustik-Set ein, um wenigstens während der Monate mit gelockerten Corona-Schutzmassnahmen in Bars aufzutreten. «Es war eine mühsame Zeit, und wir können nur von Glück reden, dass wir – im Gegensatz zu etablierten Musikerinnen und Musikern – nicht auf Geld angewiesen waren», sagt Fabian Rohner.

Die Band im Jahr 2019. (Bild: pd)

Der neue Traum: Das Openair St. Gallen

Seit einigen Wochen sieht die Band wieder Licht am Ende des Tunnels. Die Anfragen kommen nach und nach herein, und der Termin für die ersten Studioaufnahmen mit der neuen Sängerin Miah Dolder steht. Was die Band besonders freut: Der Auftritt am «Sommer im Park», um den sie lange zitterte, kommt im Juli doch noch zustande. Die Heerbrugger Festivalbühne ist zwar nicht das Hallenstadion – «sie liegt aber einen Schritt näher am Openair St. Gallen, das unseren Traum von der grossen Zürcher Eventhalle längst abgelöst hat», sagt Fabian Rohner. 

Hinweis
Neptun ist auf Spotify, Apple Music und Deezer zu hören. Nächste öffentliche Auftritte in der Region: Vollmondbar St. Margrethen, 16. April; «Sommer im Park» in Heerbrugg, 9. Juli.
www.neptunband.ch

Neue Frontfrau: Neptun 2022 mit Sängerin Miah Dolder. (Bilder: Urs Rohner)

 

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