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St. Margrethen

Emir Dervishoski reist gern, auf diesem Bild posiert er in Prizren, Kosovo. Während er in Europa schon einiges gesehen hat, stehen nach der Pandemie New York oder Moskau auf seiner Reiseliste.
Emir Dervishoski reist gern, auf diesem Bild posiert er in Prizren, Kosovo. Während er in Europa schon einiges gesehen hat, stehen nach der Pandemie New York oder Moskau auf seiner Reiseliste. (Bild: pd)

«Ich wünsche mir mehr Verständnis»

Benjamin Schmid Kommentare

1999 kam Emir Dervishoski als Familiennachzug nach St. Margrethen. Heute hilft er anderen, sich zu integrieren.

«Mein Bruder und ich sprachen kein Wort Deutsch und erst recht kein Schweizerdeutsch, als unsere Eltern uns im August 1999 vom nordmazedonischen Dorf Oktisi nach St. Margrethen holten», erinnert sich Emir Dervishoski. Gemeinsam mit seinem zwei Jahre älteren Bruder verliessen sie die Heimat, um in der Schweiz einer sichereren Zukunft entgegenzublicken. Der 33-Jährige war damals elf, besuchte die fünfte Klasse und wusste nur knapp, wo die neue Heimat liegt.

Sich weiterentwickeln und Neues lernen

Die Schulleitung hatte entschieden, dass er die fünfte Klasse wiederholen und einen Deutschkurs absolvieren musste. Er lernte schnell und machte derart grosse Fortschritte, dass ihn seine Lehrerin für die Sekundarschule empfahl. «Ich wurde sehr gut aufgenommen», sagt Emir Dervishoski, «obwohl ich der einzige männliche Ausländer der Klasse war.» Er sei weder angefeindet noch gehänselt worden, sondern fühlte sich sofort als Teil der Klasse.

Nach der Sek machte er eine Lehre als Polymechaniker bei der SFS intec AG. Nach dem Abschluss absolvierte er berufsbegleitend die Weiterbildung zum Techniker Informatik HF, wechselte die Stelle und begann als Systembetreuer in der kaufmännischen Informatik zu arbeiten. Es dauerte allerdings nicht lange und er drückte erneut die Schulbank. Dieses Mal bildete er sich im Nachdiplomstudium zum HF Betriebswirtschaft weiter. Als seine Grundschullehrerin von seinem Abschluss in der Zeitung las, habe sie ihm einen Brief geschrieben, in dem sie kundtat, wie stolz sie auf ihn sei. Schon in der Schule habe sie sein Potenzial erkannt.

Aktuell arbeitet Emir Dervishoski als Projektleiter bei der Software-Firma Kyberna AG in Vaduz, spricht nebst Mazedonisch und Deutsch auch Englisch und Bosnisch. Zusätzlich gründete er mit einem Kollegen die Firma Mevem IT Solutions GmbH und arbeitet nebenbei als Schlüsselperson bei der Fachstelle für Integration Rheintal. Doch wer den Nordmazedonier kennt, weiss, dass er ständig Neues lernen möchte, weshalb es nicht überraschen würde, wenn er weitere Ausbildungen in Angriff nähme.

Bedürftige Menschen unterstützen

Kaum hatten 2009 andere Immigranten aus seinem Heimatdorf den Kultur- und humanitären Verein «Oktisi/09» gegründet, wollte er selbst mitwirken. Inzwischen steht er dem Verein vor und organisiert in seinem Namen diverse Hilfsprojekte in Nordmazedonien sowie Kulturveranstaltungen und Familienaktivitäten in der Schweiz. So wurden unter anderem hilfsbedürftige Menschen und loka-le Vereine unterstützt, Naturschutzprojekte umgesetzt und ein Historisches und Völkerkundemuseum eröffnet.

«Heimat ist der Ort, wo ich mich wohlfühle, wo ich aktiv am lokalen Leben teilnehmen und auch mitbestimmen kann», sagt Emir Dervishoski. Aktuell sei die Schweiz seine Heimat, auch wenn er über die Aktivitäten des Vereins in Nordmazedonien mitwirken könne. Seit 2011 hat er die Schweizer Staatsbürgerschaft. Ein Jahr später heiratete er, woraufhin seine Eltern wieder nach Nordmazedonien zurückkehrten. Eine Rückkehr ziehe er nur dann in Betracht, wenn seine erst kürzlich verwitwete Mutter keine Aufenthaltsbewilligung für die Schweiz erhalte. «Die Familie steht an erster Stelle. Ich würde meine Mutter nicht allein lassen», sagt der Projektleiter.

Taten statt Worte sprechen lassen

Wenn Emir Dervishoski nicht arbeitet, liest er gern oder fährt mit dem Velo dem Rhein entlang, denn ein ausgeglichenes Leben ist ihm wichtig. Auf seinen Reisen stosse er immer wieder auf mangelnde Toleranz. «Ich wünsche mir mehr Verständnis. Um uns weiterzuentwickeln, müssen wir uns gegenseitig unterstützen», sagt der gläubige Moslem. Es sei besser, Taten statt Worte sprechen zu lassen, aufeinander zuzugehen und Hilfe anzubieten, wo diese erwünscht ist. Deshalb möchte er sich künftig noch mehr in der Gemeinde einbringen, sich für wohltätige Projekte einsetzen sowie seine Firma ausbauen und neue Mitarbeiter einstellen. Auf sein Geburtsland angesprochen erwidert er: Die politische Lage sei nicht sehr stabil, werde aber besser. Krankenhäuser, Schulen, Strassen und vieles mehr seien veraltet, aber die Infrastruktur werde langsam ausgebaut. «Ein respektvoller Umgang führt dazu, die besten Lösungen zu finden», sagt Emir Dervishoski.

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