rheintaler.ch

Oberriet

Bei der Spitex steht die pflegebedürftige Person im Mittelpunkt. Für das Foto ist es Laurent Déverin, Präsident des Spitex Vereins Oberriet, der sich von Bettina Egeter den Blutdruck messen lässt.
Bei der Spitex steht die pflegebedürftige Person im Mittelpunkt. Für das Foto ist es Laurent Déverin, Präsident des Spitex Vereins Oberriet, der sich von Bettina Egeter den Blutdruck messen lässt. (Cécile Alge)

«Ich schätze diese Nähe»

Cécile Alge Kommentare

Am 3. September ist Nationaler Spitex-Tag. Auch im Rheintal werden Tausende Pflegestunden geleistet. Bettina Egeter, die Jüngste im Team des Spitex Vereins Oberriet, spricht über ihre Arbeit, den Tod und immer komplexer werdende Fälle.

Bettina Egeter, am Samstag ist Nationaler Spitex-Tag. Ist das für Sie ein besonderer Tag?

Bettina Egeter: Ja sicher, denn es ist ein idealer Tag, um unser Angebot vorzustellen. Viele Leute wissen nämlich nicht, dass die Spitex beispielsweise krebskranke Menschen pflegt, dass sie auch junge Erwachsene besucht und Menschen mit einer psychiatrischen Erkrankung als Klienten hat und dass sie Palliative Care (Pflege von unheilbar Kranken oder sehr alten Menschen) anbietet. Zunehmend sind wir in der Vermittlung gefordert: Vermitteln von professionellen Diensten, Anlaufstellen, Beratungsstellen, etc.

Auch die sogenannte Übergangspflege bieten Sie an. Sie sagen, dass diese in den letzten Jahren immer häufiger gebraucht wird. Warum?

Egeter: Die Übergangspflege richtet sich an Personen, die zwar aus dem Spital entlassen wurden, deren Selbständigkeit aber noch nicht auf dem Stand wie vor dem Spitaleintritt ist. Oftmals hängt das mit den Fallpauschalen der Spitäler zusammen. Die Leute werden heute schneller nach Hause

Was bedeutet das für Sie?

Egeter: Wir haben dadurch immer mehr komplexere Fälle zu behandeln. Zum Beispiel habe ich schon zwei Mal jemanden gepflegt, der noch einen Bauchdeckenkatheter hatte. Wir Pflegefachfrauen müssen uns in solchen Fällen sehr gut informieren, also auch die Krankengeschichte kennen, damit wir alles richtig machen.

Die Arbeit wurde also aufwendiger.

Egeter: Ja, aber auch spannender. Überhaupt ist unsere Arbeit sehr interessant und abwechslungsreich. Kein Tag verläuft wie der andere, auch wenn wir die gleichen Klienten pflegen. Die Zeit vergeht im Flug.

Als Pflegefachfrau HF in Ausbildung haben Sie vorher im Kinderspital gearbeitet, jetzt pflegen Sie vorwiegend alte Menschen. Ein grosser Unterschied. Warum haben Sie den Job gewechselt?

Egeter: Wegen der oben erwähnten Abwechslung und weil ich hier selbständig arbeiten kann. Ich muss mich gut organisieren, kann Entscheidungen selber treffen, bin im Büro tätig und auf Pflege-Tour, etc. Und das bei geregelten Arbeitszeiten.

Im Spital herrscht eine andere Atmosphäre als bei Ihren Klienten.

Egeter: Ja, es ist ein extremer Unterschied. Genau das schätze ich auch so an meiner Arbeit: dieses Willkommensein und diese besondere Nähe zu den Menschen. Von den 99 Klientinnen und Klienten, die wir in Oberriet pflegen, «plangen» die meisten, bis wir zu ihnen kommen. Alle begegnen uns sehr offen und herzlich. Hier ist vieles so unkompliziert und nett – man sagt sich einfach Du.

Sie sehen viele alte Menschen, die auf Ihre Pflege angewiesen sind. Denken Sie nie: «So möchte ich nicht alt werden?»

Bettina Egeter: Höchst selten. Ich stelle mir mein Altern schön vor, ich sehe mich dann gemütlich auf einer Bank vor dem Haus sitzen. (lacht) Aber ich sehe ja jeden Tag, dass die Situation ganz anders sein kann.

Der Tod ist bei Ihrer Arbeit auch ein Thema.

Bettina Egeter: Sicher, Ängste und Tod sind immer ein Thema. Mit denjenigen, die darüber reden wollen, tun wir das. Es sind auch schon Klienten von uns gestorben. Das geht einem dann schon ans Herz. Aber mit dem Sterben und dem Tod kann ich grundsätzlich gut umgehen.

Gibt es Pflegebedürftige, die sich den Tod wünschen?

Bettina Egeter: Ja. Gerade wenn der Lebenspartner gestorben ist, sinkt bei alten Leuten der Lebensmut. Aber im Grossen und Ganzen staune ich, wie gut sie mit ihrer Situation umgehen können. Sie nehmen vieles einfach an.

Der Zeitdruck ist in der Pflege ein Thema. Händchenhalten oder Kaffee trinken geht nicht.

Bettina Egeter: (lacht) Käfele geht definitiv nicht, Hände halten schon. Wenn wir spüren, dass jemand etwas auf dem Herzen hat oder ein bisschen mehr Aufmerksamkeit braucht als sonst, dann nehmen wir uns – wenn immer möglich – diese Zeit.

Welche ist Ihre tägliche Motivation, Ihr Antrieb?

Bettina Egeter: Das super Team, in dem ich arbeite, und die Dankbarkeit unserer Klientinnen und Klienten.

Welches sind schwierige Situationen?

Bettina Egeter: Wenn sich jemand gegen die Hilfe sperrt, sei es Klient oder Angehöriger.

Zum Beispiel?

Bettina Egeter: Wir raten den Familienangehörigen, ein Pflegebett anzuschaffen, damit es für die pflegebedürftige Person komfortabler ist und damit uns Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen die Arbeit erleichtert wird. Es kommt vor, dass sich jemand dagegen wehrt. Dann kann es für uns körperlich sehr anstrengend werden.

Ihr Job ist ein Job mit Zukunft. Die Gesellschaft wird immer älter und will so lange wie möglich zu Hause wohnen bleiben.

Bettina Egeter: Ja, das ganz bestimmt. Die Zahlen sind in den letzten Jahren schon stark angestiegen. Wir haben unsere Stellenprozente seit dem Jahr 2011 nahezu verdoppelt. Und es kam schon vor, dass wir von anderen Spitex Vereinen Personal ausleihen mussten.

Spitex-Dienste

Alle zwölf Gemeinden des Rheintals organisieren ihre Spitex-Angebote selber – ein Teil davon bietet auch hauswirtschaftliche Leistungen an. Wir haben hier ein paar Eckdaten zusammengefasst: Im ganzen Rheintal arbeiten 171 Personen für die Spitex, davon vier Lernende. 1345 Personen nehmen die Spitex-Dienste in Anspruch. Im Jahr 2015 wurden 53?361 Pflegestunden geleistet.