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Vom 20. auf den 21. Juni war die kürzeste Nacht des Jahres und der Start in die zweite Hälfte des Jahres. Ab jetzt werden die Tage wieder kürzer.
Vom 20. auf den 21. Juni war die kürzeste Nacht des Jahres und der Start in die zweite Hälfte des Jahres. Ab jetzt werden die Tage wieder kürzer.

Ich feierte mit Hexen das Mittsommer-Fest – So war es

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Mit einem lodernden Feuer, Trommelklängen im Ohr und mystischen Geschichten feiern moderne Hexen den Mittsommer, einen ihrer wichtigsten Feiertage. Ein Erfahrungsbericht.

Kürzlich erhielt ich von einem Bekannten folgende Whatsapp-Sprachnachricht: «Hey Alena! Ich bin Teil eines Wicca*-Hexenzirkels und wir feiern am 20. Juni die Sommersonnenwende. Möchtest du dabei sein und darüber schreiben?» Die Nachricht stammte von Lauro aus Widnau. Dass er sich mit Hexen beschäftigt, überraschte mich nicht. Er ist der Typ dazu: Mit silbrigen Fingerringen an der Hand, Totenkopf-Brosche um den Hals und einer Nietenweste über den Schultern – so kenne ich ihn.

Auf ins Hexenabenteuer

Über seine Einladung musste ich nicht lange nachdenken. Hört sich mega spannend an. Das Mittsommer-Fest ist mir vage ein Begriff aus dem Horrorfilm «Midsommar», bei dem ich mich aber nur an den Trailer getraut habe.

Ganz allein wollte ich deshalb nicht zum Hexenritual. Meine beste Freundin kam mit in das Wäldchen, nah beim Wildpark Peter und Paul in St.Gallen.

Auf der Hinfahrt witzelten wir: «Ich habe meinen Hexenhut vergessen», oder: «Sollen wir mit dem Besen hinfliegen?» Vielleicht überspielten wir auch unsere Unsicherheit. Wir hatten keine Ahnung, was uns erwartete.

Um das Feuer im Wäldli sassen bereits die acht weiteren Teilnehmer des Festes. Alle etwa im Alter Anfang Zwanzig. Niemand sah hexenartig aus, mit Buckel auf der Nase oder Warze im Gesicht. Lauro begrüsste uns herzlich und wir nahmen im Kreis Platz. Die Stimmung war locker und nichts deutete darauf hin, dass dies eine Hexen-Veranstaltung war.

Nach Sonnenuntergang begann das Ritual

Alle sassen um das Feuer am Boden. Als es dunkel wurde, eröffnete Lauro die Zeremonie und schlug einen Rhythmus auf seiner Trommel. Wir sollten uns auf das Hier und Jetzt fokussieren und den Alltag hinter uns lassen. Leichter gesagt als getan, aber ich versuchte mich darauf einzulassen.

Der nächste Schritt bestand darin, aus einem Horn drei Schlucke zu trinken. Nach dem ersten Schluck wünschte man sich im Stillen etwas für sich selbst, nach dem zweiten etwas für sein Umfeld und nach dem dritten etwas für die ganze Welt.  In dem Horn befand sich nicht etwa ein spezieller Trank, sondern Dosenbier.

Anschliessend erzählte uns Lauro die Geschichte der Huldra. Sie ist ein weibliches Wesen der skandinavischen Mythologie. Huldra ist von vorne betrachtet eine wunderschöne Waldfee, in die sich jeder Mann sofort verliebt. Diese Seite repräsentiert die zweite, die warme Hälfte des Jahres. Der hintere Teil der Huldra ist weniger schön – sie ist mit einem Kuhschwanz bestückt. Die Rückseite der Fee steht für die erste Hälfte des Jahres, welche wir am 21. Juni hinter uns lassen.

Lauro brachte zwei aus Bast bestehende Huldra-Puppen mit. Diese reichten wir im Uhrzeigersinn herum. In die erste Puppe flüsterten wir, was wir in der zweiten Hälfte des Jahres hinter uns lassen möchten. Diese Huldra verbrannten wir auf dem Feuer und lösten uns dadurch von Negativem. In die Zweite flüsterten wir unseren Wunsch für die angebrochene Jahreshälfte. Diese Puppe gewann diejenige Person, die am längsten mit der Stimme einen Ton halten konnte. Nur knapp verpasste ich den Sieg. Der Typ gegenüber hatte das grössere Lungenvolumen. Jedoch bin ich auch froh, die Puppe nicht ergattert zu haben, denn sie muss bis Halloween verbrannt werden. Ansonsten bringt es Unglück. Womöglich hätte ich die Puppen-Verbrennung vergessen.

Der ganze Ablauf fand im Stillen statt. Nur das Schlagen der Trommel und Lauros Stimme ertönten zwischendurch. Nach dem Ritual kehrten wir zurück zu Gesprächen, Musik und Gesang. Alles wieder normal. Im Nachhinein weiss ich nicht, wie lange wir dagesessen sind. Eine Stunde? Zwei?

Fazit

Das Mittsommer-Fest war eine durchaus positive Erfahrung. Vergleichen könnte man das Ritual mit einer Gruppenmeditation. Es geschah nichts Übernatürliches und es war zu keinem Zeitpunkt unheimlich. Dafür war es entspannend und reflektierend. Ich bin dankbar für diesen Einblick in die Welt der modernen Hexen. Das Hexen-Ritual hat mir bewusst gemacht, dass jetzt die zweite Hälfte des Jahres begonnen hat. Und dass ich diesen Sommer in vollen Zügen geniessen und leben will!

*Zu den Wicca-Hexen gehören Personen, die sich mit der Natur verbunden fühlen. Sie möchten eine innige Beziehung zu sich und ihrer Umwelt aufbauen, indem sie auf Bräuche der vorchristlichen Zeiten zurückgreifen.

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