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Ali steht kurz vor dem Abschluss seiner Lehre, die er als Sanitärinstallateur bei der HWT in Au macht.
Ali steht kurz vor dem Abschluss seiner Lehre, die er als Sanitärinstallateur bei der HWT in Au macht.

Homosexualität im Islam: Ali bricht in seiner Abschlussarbeit ein Tabu

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Homosexualität ist in muslimischen Ländern etwas, worüber nicht geredet wird. Das weiss Ali aus eigener Erfahrung, er stammt aus Afghanistan und ist Muslim. In seiner Vertiefungsarbeit zum Lehrabschluss wollte er sich diesem Tabuthema widmen und recherchierte über gleichgeschlechtliche Liebe im Islam.

Homosexuelle Personen haben es in muslimischen Ländern nicht leicht. Oft werden sie nach ihrem Coming-Out abgewiesen, von ihren Familien verstossen oder gar mit dem Leben bedroht. «In der Schule in Afghanistan wurde uns gelehrt, dass Homosexualität im Islam verboten ist», erzählt Ali. Der 20-jährige ist vor gut fünf Jahren in die Schweiz geflüchtet und wohnt in Au. Hier konnte er zum ersten Mal offen über sexuelle Orientierungen sprechen und Fragen dazu stellen. «Obwohl mir beigebracht wurde, Homosexualität sei nicht normal, habe ich nie gedacht, dass es schlecht sei», sagt der angehende Sanitärinstallateur. Jede Person soll so sein dürfen, wie sie will. «Religion, Hautfarbe oder sexuelle Orientierung spielen für mich keine Rolle. Wir alle sind Menschen, die respektiert werden möchten.»

Keinen Kontakt mehr mit den Eltern
Ali wählte das Thema seiner Vertiefungsarbeit, um den Lesenden einen Einblick in das Leben von homosexuellen Menschen im Islam zu geben. Weil nur wenige darüber reden, ist nicht viel über ihre Situation bekannt. Ali konnte mit zwei Homosexuellen aus Afghanistan sprechen, die mittlerweile in Deutschland leben. Beide Interviewpartner haben seit ihrem Coming-Out keinen Kontakt mehr zu ihren Eltern. «Die Erzählungen von Arsham und Najib machten mich traurig», sagt Ali «Sie mussten einiges aufgeben, um sich selbst zu sein.»

Der 21-jährige Arsham outete sich vor zwei Jahren, als er in Deutschland angekommen war und sich dort sicherer fühlte. Trotz Beleidigungen und Mobbing seitens der Familie entschied sich Arsham dazu, offen zu seiner Homosexualität zu stehen. Die Akzeptanz und Unterstützung in Deutschland sei viel grösser und er fühle sich nun um einiges wohler. «Arsham erzählte mir, dass ihm seine Eltern Medikamente verschreiben wollten, um seine „Krankheit“ zu heilen», sagt Ali.

Auch Najib hatte grosse Schwierigkeiten nach seinem Coming-Out. Viele Personen wandten sich von ihm ab und er verlor den Kontakt zu seinen Eltern. Der 20-jährige hat Ali erzählt, wie er lernte mit Tiefschlägen umzugehen. Seine Flucht nach Deutschland habe ihn stark gemacht. Zuspruch fand er auf Social Media, wo er Schminktipps gibt und offen mit seiner Sexualität umgeht. Er möchte die Plattformen nutzen und Followern zeigen, dass es überall auf der Welt Personen wie ihn gibt.

Die sexuelle Orientierung der jungen Männer ist bis heute bei vielen Verwandten nicht akzeptiert. «Zu einem gewissen Teil verstehe ich auch die andere Seite, da diese Personen mit einer ganz anderen Kultur aufgewachsen sind», sagt Ali. Das bestätigten auch Arsham und Najib. Aus den Gesprächen sei hervorgegangen, dass sie ihren Eltern und dem Umfeld nicht böse seien, aber auf Verständnis hoffen.

Hoffnung auf Veränderung
Ali möchte mit seiner Vertiefungsarbeit betroffene Personen unterstützen, indem er ihrer Geschichte Aufmerksamkeit schenkt. Er hofft, dass sich in Zukunft mehr Menschen für Homosexuelle einsetzen, nicht nur in muslimischen Ländern, und gleichgeschlechtliche Liebe akzeptiert wird.

Alis Einsatz für seine Abschlussarbeit wurde belohnt. Er erhielt viel Lob und die Note 5.5, worüber er sich sehr freut. Nach seinem Abschluss möchte Ali auf seinem erlernten Beruf weiterarbeiten.

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