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Game over

Yves Solenthaler Kommentare

Die Schweizer Skicrosser mit Marc Bischofberger erlitten an der Weltmeisterschaft in der Sierra Nevada eine Schlappe. Die Fahrer haderten und waren ratlos, der Cheftrainer blieb aber gelassen.

Das Favoritensterben fing schon im ersten Heat an, in dem Gesamtweltcup- und Olympiasieger Jean-Frédéric Chapuis (Fra) auf der Strecke blieb. Dasselbe Schicksal ereilte den dreifachen Saisonsieger Alex Fiva aus Parpan und auch der dritte Topfavorit – Brady Leman aus Kanada – kam nur bis in den Halbfinal.

Der Schwede Victor Öhling Norberg, im Vorfeld höchstens als Mitfavorit gehandelt, nutzte die Gunst der Stunde und siegte vor dem sehr überraschenden Neuseeländer Jamie Prebble und François Place aus Frankreich. Selbst im Final ging das Gigantenpurzeln weiter: Titelverteidiger Filip Flisar fädelte ein und muss sich mit dem vierten Platz begnügen.

Von diesem Sog wurden auch die Schweizer mitgerissen: Das Rennprogramm von Jonas Lenherr und Armin Niederer war wie bei Fiva schon nach dem Achtelfinal beendet. Und der 26-jährige Marc Bischofberger aus Oberegg, auf dessen Schultern von da an die Medaillenhoffnungen ruhten, verabschiedete sich nach dem Viertelfinal. Er wurde als Zehnter klassiert.

«Es ist Horror», sagte Bischofberger über sein Out

Bischofbergers Ärger nach dem Ausscheiden war gross. «Es ist Horror», umschrieb er im SRF-Interview seine Gefühlslage.

Damit meinte er weniger das Ausscheiden an sich als dessen Zustandekommen: Er hatte sich nämlich wie im Achtelfinal nach mässigem Start nach vorne gearbeitet. Dabei demonstrierte er eine exzellente Kurventechnik: Das Überholmanöver, mit dem er die bis dahin Führenden hinter sich liess, war wohl gar die Aktion des Tages. Diese nützte aber nichts, weil kurz vor dem Ziel plötzlich die späteren Medaillengewinner Place und Prebble am Innerrhoder vorbei schossen. Woran es lag, war am Fernsehen nicht zu erkennen, und auch er selbst war nach dem Rennen ­ratlos. Einen Tag später rang sich ein immer noch enttäuschter Bischofberger zur Erklärung durch, er habe die zwei, drei letzten Wellen nicht optimal erwischt.

Die grosse Enttäuschung ist verständlich: Im wichtigsten Rennen des Jahres kassierte er trotz (im Grunde wertlosem) Top-10-Platz die grösste Niederlage seiner Karriere.

Die Sportart Skicross kommt auch geübten Skifahrern irreal wie ein Computerspiel vor – wie ist es möglich, sich auf Skiern in vollem Tempo Mann gegen Mann um Zentimeter zu duellieren? Für Bischofberger hiess es «Game over», wie wenn in einem Game im fortgeschrittenen Level unvermittelt der fiese Zauberer auftaucht.

Cheftrainer Pfäffli kennt das «Spiel» inzwischen

Von einem Spiel sprach nach dem Rennen der Schweizer Cheftrainer Ralph Pfäffli. Die Silbermedaille der Waadtländerin Fanny Smith hatte seine Laune aufgehellt, dennoch ist der gelassene Ton seines Kommentars nach dem Rennen sehr bemerkenswert.

Pfäffli hätte allen Grund zum Hadern gehabt: Zum sage und schreibe achten Mal blieben die Schweizer Männer an einer Skicross-WM ohne Medaille. Und das, obschon die Schweiz seit Jahren eine der stärksten Nationen ist (2016/17 waren im Weltcup nur die Franzosen besser). Er sagte aber: «Es ist immer dasselbe Spiel, bei dem man auch Glück und Pech braucht. Heute hatten wir Pech und haben deshalb eine derbe Niederlage kassiert.»

Pfäffli hat das Swiss-Skicross-Team vor mehr als 13 Jahren von Null an aufgebaut. Er vergoss viel Herzblut, bis die Strukturen des Teams auch nur annähernd so professionell waren, wie sie es heute sind. Er hat Erfolge gefeiert wie den Olympiasieg von Mike Schmid im Jahr 2010. Aber auch schon unzählige Niederlagen erlebt. Da lässt sich der Berner von einem schlechten Rennen – und wenn es das wichtigste der Saison ist – nicht ins Bockshorn jagen.

«Game over» gilt jetzt für alle, die Saison ist vorbei. Die nächste Game-Session enthält einen Bonus-Track – Olympische Spiele.

Yves Solenthaler