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Frau im Militär: «Soldaten pfiffen mir ständig nach»

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Vor drei Jahren rückte Jasmin Willi als Sanitäts-Durchdienerin ins Militär ein. Damit stiess sie bei vielen auf Unverständnis – vor allem bei Männern. Wie sie durchhielt und welche Extremsituationen sie erlebte, erzählt Jasmin im Interview.

Name: Jasmin Alter: 22 Wohnort: Altstätten Beruf: Studentin Höhere Fachschule zur Diplomierten Pflegefachfrau

Wie bist du auf die Idee gekommen, ins Militär zu gehen?
Diesen Wunsch hatte ich schon immer. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass es wirklich so schlimm ist, wie manche Männer erzählten und wollte mir ein eigenes Bild machen. Dazu kam, dass ich an der Polizeischule und der Ausbildung zur Rettungssanitäterin interessiert war. Bei beiden Berufen ist die RS von Vorteil.

Wie hat dein Umfeld auf deinen Wunsch reagiert?
Meine Familie und Kolleginnen unterstützten mich sehr und waren stolz auf mich. Obwohl sie zu Beginn nicht wirklich begeistert waren. Aber sie haben damit gerechnet, dass ich einrücke, da ich bereits in der Oberstufe immer vom Militär gesprochen habe. Mein männliches Umfeld zeigte wenig Verständnis und versuchte mir diese Idee auszureden. Seitdem ich meine Diensttage vollständig geleistet habe, begegnen mir alle mit Respekt.

Hattest du mit Vorurteilen zu kämpfen?
Öfters wurde ich gefragt, ob ich wegen der Männer ins Militär gehe. Ich streite nicht ab, dass ich gern unter Männern bin, aber um von ihnen umgeben zu sein, kann man im Rheintal auch ganz normal in den Ausgang gehen. Ein paar wenige beschimpften mich als Mannsweib oder Militärhure. Von diesen Menschen habe ich mich abgewandt.

Konntest du mit deiner körperlichen Fitness in der RS mithalten?
Bei Sporttests, Liegestütze, Planks oder ähnliche Kraftübungen, ja. Als Geräteturnerin war ich diese Übungen gewohnt. Bei den Märschen mit schwerem Gewicht hatte ich aber sehr grosse Mühe. Nach drei Wochen RS wog ich noch knapp 51 Kilo und musste insgesamt 25 Kilo mitschleppen. Zudem war ich mit Abstand die Kleinste in meinem Zug, was nicht gerade von Vorteil war. Der Zugführer (ein 2-Meter-Mann) gab das Tempo vor, wobei ich spätestens nach 5 Kilometern keine Chance mehr hatte. Meine Kameraden haben mich aber immer gut unterstützt.

Wie war es für dich als Frau zwischen all den Männern?
In der RS gab es keinen Unterschied zwischen Frau und Mann. Jedoch hatte ich Pech mit meinem Zugführer. Er teilte uns zu Beginn mit, dass er eigentlich keine Frauen in seinem Zug wollte. Die ersten Wochen wurden wir, knapp 25 Frauen, deshalb ziemlich hart getestet, bis es unser Schulkommandant bemerkte und den Zugführer zurechtwies. Meine Kameraden in der RS haben mich aber sehr sehr kollegial behandelt.

Anders war es im Durchdiener: Da war ich immer die einzige Frau und wurde dementsprechend ziemlich bevorzugt und teilweise sehr angeflirtet. Wenn ich über den Platz lief, gab es praktisch immer Pfiffe. Das blendete ich einfach aus. Es war mühsam, wenn mir wildfremde Typen von anderen Zügen Nachrichten oder Bilder schickten. Bei den Nachrichten, welche noch etwas Niveau hatten, habe ich nett mit «Sorry, kein Interesse» geantwortet und die anderen einfach blockiert. Oftmals habe ich mich aber eher amüsiert als aufgeregt.

Womit hattest du Mühe im RS-Alltag?
Mit allen mühsamen und unnötigen Übungen, bei denen wir stundenweise gewartet oder etwas gesucht haben, das nicht existierte. Des Weiteren fand ich den Umgangston und wie wir zu Beginn der RS behandelt wurden, absolut unter der Gürtellinie. Als neue Rekruten wurden wir praktisch die ganze Zeit angeschrien.

Wie bist du damit klargekommen?
Zum Glück bin ich aus dem Rheintal einen etwas gröberen Ton gewohnt. Wenn man aber von einem Höheren sowas wie «Ihr seid alles dumme Arschlöcher» an den Kopf geworfen bekommt, macht das wütend. Ich lernte sehr schnell, Ohren und Hirn auszuschalten. Der Drill spielte mir keine Rolle, solange alles fair zu und her ging.

Wie fühlte es sich an, mit einer Waffe umzugehen?
Ich realisierte nicht richtig, was es bedeutete, ein Sturmgewehr in der Hand zu halten. Zu Beginn habe ich es gehasst, da wir es überall mitschleppen mussten und sowieso nicht schiessen durften. Das Sturmgewehr wiegt etwa 5 Kilo, was zusätzliche Last für mich bedeutete. Es war ein sehr spezielles Gefühl, als wir nach einigen Wochen schiessen durften. Ich hatte Respekt aber keine Angst. Nur manchmal war mir etwas mulmig, wenn «spezielle» Kameraden direkt neben mir Schiessübungen machten. Jedoch schiesse ich gern, da es sehr viel Ruhe und Konzentration braucht - ein Zustand, der sonst im Militär nicht oft herrscht.  

Hast du Extremsituationen erlebt?
Oh ja, vor allem zu Beginn der RS. In den ersten beiden Wochen hatte ich im Schnitt vier Stunden Schlaf pro Nacht und deshalb extremen Schlafmangel. Zudem gab es bei uns die Regel, dass man sich fürs Essen nach Grösse oder Nachnamen aufstellen musste. Leider war ich jedes Mal die Letzte und hatte somit nur noch vier Minuten zum Essen. Deshalb hatte ich andauernd Hunger und war stark auf die Fresspakete, welche mir Angehörigen schickten, angewiesen.

Für unsere Abendtoilette bekamen wir nicht mehr als zwei bis drei Minuten Zeit. In dieser Zeit sollten wir das Gewehr richten, unsere Körperpflege erledigen, uns umziehen und für die Abendverlesung bereitstehen. Für das Duschen reichte die Zeit nicht mehr. So konnten wir in den ersten beiden Wochen nur je einmal duschen.

Einmal hatten wir einen 15 Kilometer langen Nachtmarsch mit anschliessender Übernachtung im Biwak bei Minus drei Grad. Da wir während des Marsches stark schwitzten, schlüpften wir mit feuchter Kleidung ins Biwak. Die meisten von uns machten in jener Nacht kein Auge zu, da wir so stark froren. Eine Kameradin ist nach dem Marsch auf der Toilette zusammengeklappt. Meine Gruppenführer haben sie halb bewusstlos ins Biwak gelegt, statt auf die Krankenabteilung zu bringen.

Wir hatten während der RS zwei Selbstmordversuche, eine krasse Blutvergiftung eines Kameraden und zwei Schiessunfälle. Diese Kameraden haben wir danach nicht mehr gesehen.

Im Allgemeinen hatten wir viele Grenzerfahrungen, was starkes Teamwork forderte. Zum Beispiel die Durchhaltewoche ohne Handy und Zivilisation bei 30 Grad im Schatten auf einem verlassenen Teerplatz. Das Teamwork empfand ich aber als sehr gute Erfahrung.

Nach meiner RS wurde die sogenannte Kuschel-RS eingeführt. Es gab einige Änderungen im ganzen System, die die RS erleichtern sollen. Ich hatte bei einigen Vorkommnissen wirklich Pech und denke, dass es nicht in jeder RS solche Extremsituationen gibt.

Was hat dir am besten gefallen im Militär?
Es gab weder schwarz noch weiss, alle Personen waren gleich - sofern man den gleichen Grad hatte. In der RS hatten wir einige Jungs aus sehr gutem Haus, welche dies zu Beginn immer wieder mitteilten. Aber auch sie mussten genau den gleichen «Scheiss» durchstehen wie alle. Zudem hat mir die Ausbildung gut gefallen. Ich konnte sehr viel lernen und in meine jetzige Ausbildung mitnehmen.

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