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(Remo Zollinger)

«Enorm viele sind auch enorm fit»

Acp Kommentare

Rheintal Ab wann ein Mensch als «alt» bezeichnet werden kann, hängt nicht allein vom Lebensalter ab, sondern vom Gesamteindruck  den die Person macht, sagt Hausärztin Hildegard Jokiel. Eine gute ambulante Versorgung älterer Menschen liegt ihr am Herzen.

Rheintal Ab wann ein Mensch als «alt» bezeichnet werden kann, hängt nicht allein vom Lebensalter ab, sondern vom Gesamteindruck
 den die Person macht, sagt Hausärztin Hildegard Jokiel. Eine gute ambulante Versorgung älterer Menschen liegt ihr am Herzen.

Andrea C. Plüss

 

Dr. med. Hildegard Jokiel ist 51 Jahre alt und seit 2005 als Hausärztin im Gesundheitszentrum Santémed in Diepoldsau tätig. Hildegard Jokiel wohnt in Montlingen. Im Frühjahr trat sie dem Spitex Verein Oberriet (dazu gehören auch Eichenwies, Montlingen, Kriessern und Kobelwald) als fachberatendes Vorstandsmitglied bei.

 

Wird der Begriff «alt» heute anders verwendet, als noch vor einigen Jahrzehnten?

Hildegard Jokiel: Der Begriff wird nicht anders verwendet und ist sehr subjektiv. Aber ältere Menschen sind heute vitaler, gesünder und auch lebenslustiger. Das zeigt sich auch an der gestiegenen Lebenserwartung. Diese ist in der Schweiz in den letzten zehn Jahren um zwei Jahre gestiegen. Das ist enorm! Die durchschnittliche Lebenserwartung beträgt für Männer aktuell 80,1 Jahre und für Frauen 84.5 Jahre. Die Frauen liegen noch vorn, aber die Männer holen auf.

Wie erleben Sie Patienten, die über 75 oder 80 Jahre alt sind?

Sehr, sehr unterschiedlich. Viele sehen wir selten in der Praxis, weil es ihnen so geht . Andere haben schon früh körperliche oder geistige Beschwerden. Für das hohe Alter ist es typisch, dass Patienten chronische Krankheiten oder mehrere Krankheiten gleichzeitig haben.

Was sind die häufigsten Beschwerden?

Solche des Bewegungsapparats, wie Arthrose oder Osteoporose, Beschwerden aufgrund von Diabetis mellitus, Herzschwäche oder Infarkt, Demenz, Durchblutungsstörungen des Gehirns mit Schlaganfällen, Krebs.

Welche Rolle spielen demenzielle Erkrankungen?

Nach Schätzung der Schweizerischen Alzheimer Vereinigung haben neun Prozent der 65-70 Jährigen eine Form der Demenz. Bei den über 90 Jährigen sind es etwas über 40 Prozent. Das heisst aber auch, dass 60 Prozent der über 90 Jährigen nicht dement sind. Das ist eigentlich die beeindruckendere Zahl. Enorm viele alte Menschen sind enorm fit. Demenz nimmt in den einzelnen Altersstufen nicht zu; der Anteil bleibt gleich. Da es aber immer mehr Hochbetagte gibt, steigt die absolute Zahl der demenziell Erkrankten.

Spielen psychische Probleme bei älteren Menschen eine Rolle?

Ja, wie in allen anderen Altersstufen auch. Am häufigsten bei Älteren und Hochbetagten sind depressive Verstimmungen und Ängste. Die Spannbreite der Einschränkungen geht von leichten Problemen bis hin zu schweren Erkrankungen.

Stellen Sie Veränderungen fest bei älteren Patienten heute, im Vergleich zu früher?

Bei dieser Frage sind mir drei Aspekte wichtig: Erstens hat es in der Gruppe der 65-80 Jährigen  sehr viele gesunde, aktive und leistungsfähige Menschen. Dieser Anteil ist gegenüber früher sicher grösser, bedingt durch die gesündere Lebensweise, weniger starke körperliche Belastung und natürlich eine  bessere medizinische Versorgung. Dann werden Menschen heute älter, wodurch die psychogeriatrischen Erkrankungen wie auch Demenz zunehmen. Als dritter Aspekt ist die komplexere medizinische Behandlung von älteren Patienten zu nennen, die oft mehrere Krankheiten haben. Es wird mehr und differenzierter behandelt, als dies früher der Fall war. Viele alte Menschen, die wir in der Praxis erleben, sind aber trotz Altersbeschwerden, die einschränkend sind, sehr lebensfroh und nehmen ihre Situation mit Humor.

Sprechen ältere Patienten mit Ihnen über ihre Ängste ?

Zum Glück sprechen auch ältere Menschen über ihre Ängste. Das hat sich vielleicht in den letzten Jahren etwas verändert und die Hemmschwelle, Ängste anzusprechen, ist gesunken. Manchmal kann ein Gespräch über die Ängste diese schon mildern.

Welche Ängste belasten ältere Patienten denn am meisten?

Häufig wird die Angst vor Demenz geäussert. Es ist völlig normal, dass man mit zunehmendem Alter Namen nicht immer sofort weiss, und die Lernfähigkeit abnimmt; das geht uns allen so. Mit einfachen Tests lässt sich oft feststellen, dass es sich um eine altersbedingte normale Entwicklung handelt und nicht um eine Demenz. Eine weitere Sorge ist für viele die Angst, anderen irgendwann zur Last zu fallen.

Kommt es aufgrund medizinischer Notsituationen vor, dass Sie ältere, oder hochbetagte Patienten kurzfristig  in ein Pflegeheim einweisen müssen? Geht das überhaupt?

Nein, es wäre auch kaum möglich, da es praktisch keine freien Pflegeplätze gibt. Mitte Juni stand zum Beispiel zwischen Oberriet und Thal kein einziges freies Bett in einem Alters- und Pflegeheim zur Verfügung. In der Regel läuft der Weg über das Spital. Dort erfolgt die Abklärung und gegebenenfalls Stabilisierung des Gesundheitszustands. Vom Spital aus wird, teils recht zügig, die Weiterversorgung geregelt.

Dann fällt der Entscheid, in ein Heim einzutreten, eher situativ und nicht geplant?

Im Grunde wollen die meisten nicht in ein Heim. Viele gehen erst, wenn es nicht mehr andersgeht. Die Mehrheit will die eigene Unabhängigkeit nicht abgeben. Dennoch habe ich oft erlebt, dass ältere Menschen erleichtert sind, wenn ein Heimeintritt schliesslich vollzogen wird. Der geregelte Heimalltag gibt Sicherheit – und die eigene Familie wird nicht belastet. Pflegekräfte im Heim sind Profis, machen ihre Arbeit sehr gut und werden für diese Arbeit bezahlt, das kann als «Dienstleistung» anders angenommen werden.

Sie sind seit dem Frühjahr im Vorstand der Spitex Oberriet. Wie wirkt sich das aus, wenn immer mehr ältere Menschen möglichst lange selbständig zuhause leben wollen?

Die pflegerischen Dienstleistungen sind eine enorme Entlastung für Klienten (so nennt die Spitex zu versorgende Menschen), deren Angehörige und uns Hausärzte. Die Spitex-Dienstleistungen umfassen die Körper- und Behandlungspflege (zum Beispiel Verbandwechsel, Insulingaben etc.) Zudem wirkt die Spitex auch präventiv: Hausarztpraxen erhalten häufig Anrufe von Spitexmitarbeiterinnen, die etwas melden, das ihnen beim Besuch eines Klienten aufgefallen ist. Hohe Blutzuckerwerte, hoher Blutdruck, Probleme bei der Wundheilung, solche Dinge eben. Durch diese Hinweise lassen sich medizinische Notfälle oft verhindern. Ohne die häusliche Krankenpflege wäre es für viele Menschen nicht mehr möglich, allein zuhause zu leben. Die Arbeit der Spitex-Mitarbeiterinnen ist wertvoll, zuverlässig, professionell und herzlich.

Mit der Pflegeleistung ist es ja nicht immer getan. Wie sehen Sie die Spitex im sozial-betreuenden Bereich?

Manchmal ist durch die Spitex der einzige regelmässige soziale Kontakt gesichert. Viele Menschen vereinsamen heute eher; betroffen sind da vor allem ältere Leute. Mit geregelten Einsätzen kann eine eventuelle Verwahrlosung abgewendet und die Lebensqualität verbessert werden.

 

Man liest oft von personellen Engpässen und begrenzten Einsatzzeiten. Wie sehen Sie das?

Die öffentliche Spitex ist sowohl vom Auftrag her als auch von der Finanzierung und Personalkapazität für die Pflege zuständig, nicht für eine Betreuung – das wird auch nicht bezahlt.

 

Die geleisteten Pflegestunden nehmen aber ständig zu. Wohin führt das Ihrer Meinung nach?

Die Pflegestunden werden weiter zunehmen, da es mehr alte und hilfsbedürftige Menschen gibt und die Patienten schneller aus dem Spital entlassen werden. Zugleich ist die Versorgung komplexer geworden. Die Spitex Oberriet schätzt, dass der Bedarf weiter steigen wird. In den nächsten zehn Jahren muss von einer Aufstockung des Pflegefachpersonals um mindestens 50 Prozent ausgegangen werden.

Müsste dann nicht – im Falle der öffentlichen Spitex Organisationen – der Leistungsauftrag neu definiert werden?

Den Gemeinden muss bewusst sein, dass der Bedarf steigen wird und damit auch die Kosten. Spezielle Leistungen, die bereits heute nicht oder nur teilweise verrechnet werden können, werden zunehmen; auch psychiatrische Spitex-Leistungen. Die Gemeinde Oberriet hat 2016 circa 250000 Franken an die Spitex bezahlt. Dieser Betrag ist erforderlich, weil die Pflegestunden von den Krankenkassen nicht kostendeckend vergütet werden. Es gibt viele Kosten, die somit nicht gedeckt sind und wegen des Tarifschutzes den Klienten nicht weiterverrechnet werden dürfen. Zum Beispiel Wegzeiten, steigende administrative Kosten, Weiterbildungen und Pikettdienste. Letztendlich ist die finanzielle Beteiligung der Gemeinden an der Spitex aber eine politische Entscheidung und es gilt gesamtgesellschaftlich zu planen, wie man da die Ressourcen bereitstellen will.

Welche Möglichkeiten sehen Sie da?

Nachbarschaftshilfe und Freiwilligenarbeit könnten an Bedeutung gewinnen. Für die Gemeinden wäre die Rolle eines Koordinators denkbar, der gegebenenfalls stützende Massnahmen ergreifen und die Qualitätsstandards sicherstellen kann. Trotzdem bleibt die professionelle Hilfe unverzichtbar und es müssen mehr Pflegekräfte ausgebildet werden. 

Entwickelt sich eine Zweiklassen-Gesellschaft alter Menschen: Solche mit einer kleinen Rente, oder Bezüger von Ergänzungsleistungen und solche, die sich mit ihrem Privatvermögen eine individuelle und umfassende Betreuung leisten können?

Zur Spitex ist zu sagen, dass die Pflege gut und professionell ausgeführt wird, egal, ob es sich um Selbstzahler oder Empfänger von Ergänzungsleistungen handelt. Bei der Betreuung gibt es dann Unterschiede. Wer kein Privatvermögen hat, kann sich im Zweifel weniger Betreuung leisten. Jemand, der Ergänzungsleistungen bezieht, hat klar definierte Beträge zugute und finanziell wenig Spielraum.

Das bedeutet also, dass der mehrheitliche Wunsch alter Menschen nach einem Leben zuhause, durchaus vom Geld abhängt?

Je nachdem, wie der Gesundheitszustand der älteren Person ist, kann das zutreffend sein - wenn nicht die Familie die Betreuung übernimmt. Die Pflege ist gesichert, aber eine Betreuung für 24-Stunden zu Hause ist von den eigenen finanziellen Möglichkeiten abhängig.

Welchen Eindruck haben Sie von der Heimunterbringung?

Der Standard in Schweizer Heimen ist grundsätzlich sehr gut. Die Heime, die ich kenne, sind nett eingerichtet, obwohl auch funktionale Aspekte eine Rolle spielen. Natürlich bleiben, wie immer, wenn Menschen zusammen sind, Reibungspunkte nicht aus. Es wird bei einer Unterbringung nicht unterschieden, ob jemand Privatzahler ist oder Ergänzungsleistungen erhält. Ich möchte noch eine Schlussbemerkung machen: Ich hoffe, dass es uns als Gesellschaft gelingt, die grossen Herausforderungen der älter werdenden Gesellschaft zu meistern und die Strukturen dementsprechend vorausschauend zu ändern, um den alten Menschen auch in Zukunft einen würdigen Lebensabend ermöglichen zu können.

 

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