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Ein ungewöhnlicher Besucher

Benjamin Schmid Kommentare

Seit März hält Hugin die Einwohner von Eichenwies auf Trab. Der Rabe ist neugierig und äusserst zutraulich - was im Video besonders gut zu sehen ist.

Kaum haben wir es uns auf der Terrasse von Martin Steger bequem gemacht, fliegt ein Rabe krähend um die Hausecke und setzt keinen halben Meter neben uns zur Landung an. Überrascht und etwas irritiert über seine Zutraulichkeit zucke ich zusammen – nur für einen Augenblick – dann staune ich mit offenem Mund und verfolge seine weiteren Aktionen. Ohne Scheu kommt er uns immer näher, um dann plötzlich mit einem Satz und sanftem Flügelschlag auf den Gartentisch zu fliegen. «Gestatten Sie», sagt Martin Steger, «unser Quartiervogel Hugin.» 

Ich traue kaum meinen Augen, zwischen mir und meinem Gesprächspartner sitzt tatsächlich ein pechschwarzer Rabe, beäugt mich mit seinen blauen Augen und pickt fröhlich Brotkrumen vom Teller. 

Plötzlich zwickt es von hinten

«Man weiss nie, wann er auftaucht», sagt Martin Steger, «aber zwei-, dreimal pro Woche besucht er uns.» Es komme vor, dass man während Gartenarbeiten plötzlich von hinten gezwickt werde, erzählt Steger. Dann wisse man: Hugin ist gekommen.

Der Rabe tauchte im März zum ersten Mal auf. Wahrscheinlich ist er aus seinem Nest gefallen und wurde in der Nachbarschaft aufgepäppelt. Genaues wisse man nicht. «Weder wir noch unsere Nachbarn füttern ihn», sagt Martin Steger, «er stibitzt aber immer wieder etwas vom Grünabfall.» Es sei schon bemerkenswert, wie zutraulich das Tier sei: «Ich konnte ihn schon in der Hand halten und streicheln», sagt der Pensionär. Kaum sei er da, wolle er beschäftigt werden. Drehe man sich von ihm weg, goutiere er das nicht und zeige seinen Unmut. 

Rabenvögel gelten als besonders intelligent: «Sie lernen schnell und benutzen Werkzeuge zielgerichtet», sagt Forti Frei vom Ornithologischen Verein Widnau. Beispielsweise werfen sie Nüsse auf die Strasse und lassen sie von den drüber fahrenden Autos knacken. An einer verkehrsreichen Strasse warten sie sogar, bis die Ampel auf Rot schaltet und die Autos halten, bis sie sich ihr Futter holen. Ein Grund dafür, warum die Vögel dermassen schlau sind, könnte in ihrer langen Kindheit liegen. Denn manche Rabenvögel bleiben sehr lange bei ihren Eltern  und haben so viel Zeit, in beschütztem Rahmen selbst komplexe Dinge zu lernen. «Raben begreifen auch versteckte Zusammenhänge», sagt der Natur- und Vogelschützer. 

Es werde vermutet, dass Raben genauso gut planen können wie Menschenaffen. Forscher des Max-Planck-Instituts hätten herausgefunden, dass Rabenvögel aus mehreren Elementen Werkzeuge herstellen können. Ohne vorher geübt zu haben, steckten die Vögel verschieden lange, hohle Stäbchen ineinander, um an ein entfernt liegendes Stück Futter zu gelangen. 

«An sich leben Raben monogam, brauchen allerdings ein grosses Territorium, um eine Familie gründen zu können», sagt Forti Frei, «sie pflegen untereinander Kontakte und kommunizieren miteinander.» Jährlich kümmern sich die Rabeneltern sehr fürsorglich um ihren Nachwuchs. Selbst wenn junge Raben aus dem Nest fallen – und das geschieht häufig – füttern und verteidigen sie ihren Nachwuchs. «Ausserdem scheinen Raben einen sechsten Sinn für schwache und kranke Tiere zu haben», sagt Forti Frei. Landwirte hätten beobachtet: Tage bevor bei einem Nutztier eine Erkrankung diagnostiziert wurde, haben Raben es gepiesackt. Doch nebst all dieser Cleverness haben Raben noch eine weitere Eigenschaft, die die Menschen fasziniert: «Sie haben ihren eigenen Kopf, sind frech – und sie spielen gerne», sagt der Widnauer. 

Ob es Hugin auch in andere Gemeinden zieht, ist nicht bekannt. Er ist aber auf alle Fälle nicht der erste Rabe, der seinen eigenen Instagramaccount besitzt. 

Hinweis: www.instagram.com/instahugin

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