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Berneck

  • Zahlreiche uralte Malereien prägen die Innenwände des Hauses.
    Zahlreiche uralte Malereien prägen die Innenwände des Hauses.
  • Heimatschutz-Präsidentin Kathrin Hilber: «Ich freue mich, den Preis hierhin zu bringen; zu Menschen, die das Haus mit viel Herzblut gefüllt haben.» Jury-Mitglied Carlos Martinez geniesst daneben das Panorama.
    Heimatschutz-Präsidentin Kathrin Hilber: «Ich freue mich, den Preis hierhin zu bringen; zu Menschen, die das Haus mit viel Herzblut gefüllt haben.» Jury-Mitglied Carlos Martinez geniesst daneben das Panorama. (Remo Zollinger)
  • Zahlreiche uralte Malereien prägen die Innenwände des Hauses.
  • Heimatschutz-Präsidentin Kathrin Hilber: «Ich freue mich, den Preis hierhin zu bringen; zu Menschen, die das Haus mit viel Herzblut gefüllt haben.» Jury-Mitglied Carlos Martinez geniesst daneben das Panorama.

«Ein Haus soll kein Museum sein»

Remo Zollinger Kommentare

Der Heimatschutz St. Gallen/Appenzell Innerrhoden zeichnet Denise Ziegler und Rony Kolb aus Husen mit dem Award «Goldener Schemel» aus. Sie erhalten den Preis für die Restaurierung eines mehr als 600 Jahre alten Bauernhauses.

BERNECK. Ein gutes Dutzend Personen fand sich am Dienstagnachmittag zur Begehung des Siegerhauses in Husen ein – und kam aus dem Staunen nicht heraus. Besonders die alten, bestens erhaltenen und teils freigelegten Wandmalereien hatten es den Besuchern angetan.

An der Tür zur ehemaligen Speisekammer befindet sich ein solches Gemälde. Auf Holz aus dem Jahr 1689 sind Schinken und Würste abgebildet, ebenso eine Katze, die in ihrem Maul einen Vogel trägt, bereit, ihn zu verspeisen. Oder im Kinderzimmer, wo eine Malerei zu erahnen ist, die die Stadt St. Gallen im 17. Jahrhundert abbildet. Sie ist nur teilweise freigelegt, einerseits um der kommenden Generation noch etwas Arbeit zu erhalten, andererseits aber aus technischen und finanziellen Gründen.

Licht als zentrales Element

Während anderthalb Stunden führten Hausbesitzer, Architekt und Restaurator durch das aufwendig erneuerte Gebäude. Einige der Gäste knipsten (ohne zu fragen) Fotos, andere suchten das Gespräch mit der Familie oder den Vertreterinnen des Heimatschutzes. Die Gäste sind ob des Einklangs von Tradition und Moderne ebenso beeindruckt wie vom herrlichen Ausblick über das Rheintal, den die breite Fensterfront bietet – und das, obwohl die Sonne sich am trüben Nachmittag noch nicht mal zeigte. An einem schönen Tag kann sich die Familie über die wohltuende Morgensonne freuen: «Auf der anderen Seite des Hügels, im Dorf, lebte früher ; ich denke, sein Name sagt schon viel aus», frotzelt Rony Kolb, im Wissen, dass er auf der Sonnenseite wohnt, dort, wo die Weintrauben prächtig gedeihen.

Ganze 14 Zimmer gross ist das an einem Rebhang liegende Haus, dessen Grundbau 1499 errichtet wurde. Eine grössere Erweiterung erfuhr es 1730, doch auch später wurde das Haus immer wieder baulich verändert und den Bedürfnissen der jeweiligen Generation angepasst. Die grösste Renovation erfuhr es in den letzten fünf Jahren. So lange brauchte es, bis die Bautätigkeit der neuen Hausbewohner beendet war.

Nicht in der Vergangenheit leben

Und kaum ist das Haus fertig, wird es schon mit einem prestigeträchtigen Preis ausgezeichnet. «Man baut nicht jeden Tag ein solches Haus», sagt Rony Kolb, der dann die sorgfältige und harmonische Zusammenarbeit mit dem Architekten unterstreicht, die nötig gewesen war, um den historischen Schatz des Gebäudes zu erhalten. Auch Architekt Björn Lutze ergriff das Wort. Es sei ihm wichtig gewesen, das Haus hell zu gestalten, entsprächen lichtdurchflutete Räume doch einem grossen Bedürfnis.

Der «goldene Schemel» wird zum ersten Mal verliehen. Der Heimatschutz prämiert damit Projekte, die sich durch sorgsame Gestaltung von Baukultur und Siedlungsplanung kennzeichnen. «Preisträger ist nicht das Haus selbst, Preisträger sind die Menschen», betont der Heimatschutz. Die neuen Hausbewohner, die die Restauration auf sich genommen und dabei die allgegenwärtige historische Bausubstanz respektiert haben, weil sie sich dafür interessierten und davon faszinieren liessen.

Damit alleine ist es aber nicht getan. Kathrin Hilber, ehemalige Regierungsrätin des Kantons St. Gallen und Präsidentin des Heimatschutzes, strich bei der Begehung mehrfach heraus, die grösste Herausforderung eines solchen Projektes liege darin, das Haus den zeitgemässen Bedürfnissen anzupassen. «Es ist lohnenswert, der Geschichte Sorge zu tragen. Ein Haus soll kein Museum sein, man muss nicht in einem Ballenberg leben», sagte sie bei ihrer kurzen Ansprache.

«Ein Privileg, hier zu wohnen»

Dies tut die Familie mit drei Kindern, Hund und Katze auch nicht. Das Intérieur ist topmodern, beispielsweise der majestätisch dastehende, riesige Küchenblock mit Stromversorgung und stilvollem Messerblock, der bei der Hausbegehung die Blicke auf sich zog. Oder der sich über drei Stockwerke erstreckende Stahl-Speicherofen, der zur Wärmeregulierung beiträgt.

«Die Küche und der Ofen sind die einzigen Geraden in diesem Haus», sagt Denise Ziegler und spielt damit auf unebene Böden und schiefe Balken an, die das Haus prägen. Das Fachwerk, neu «nur» noch Innen-, nicht Aussenwand, ist verwinkelt. An gewissen Orten muss man sich ducken, um nicht den Kopf anzuschlagen – aber nur unten, wo früher die Diener wohnten. Die Zimmer der Herrschaften in den oberen Etagen sind deutlich höher.

Abstriche gibt es wenige: Die Familie hat keine Garage (Ziegler: «Das ist auch gar nicht so wichtig»), das Haus ist sehr hellhörig und kann im Sommer schnell ziemlich viel Wärme aufnehmen. Dies nehmen die Bewohner aber gerne in Kauf. «Es ist ein Privileg, hier wohnen zu dürfen, ich könnte mir keinen schöneren Ort vorstellen», sagt Ziegler. Sie habe früher oft Fernweh gehabt, «hier aber zum ersten Mal das Gefühl, wirklich angekommen zu sein.»

Es waren nicht nur materielle, sondern auch emotionale Werte, die das Ehepaar durch die Zeit der Renovation geführt haben. Kolbs Antrieb war es, dass solche Häuser der Nachwelt erhalten bleiben. Er spricht von einem lohnenswerten Engagement, nicht nur wegen der Auszeichnung, sondern auch wegen der Lebensqualität, die der neue Wohnort biete. Letzteres zweifelte von den Besuchern niemand an, als sie das Haus verliessen.