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Altstätten

Patrik und Frank Riklin begeben sich am Montag auf Fadenjagd.
Patrik und Frank Riklin begeben sich am Montag auf Fadenjagd. (pd)

Ein Fadennetz durch die Stadt spannen

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Das Fadenrätsel ist gelöst. Die Riklin-Brüder spinnen in Altstätten ein analoges Fadennetz. Eine Ergänzung zum digitalen Glasfasernetz.

Am Dienstag geschah Ungewohntes auf dem Rathausplatz in Altstätten. Stadtpräsident Ruedi Mattle liess sich von Frank und Patrik Riklin mit einer kilometerlangen Schnur einwickeln. Was sich hinter der Aktion verbirgt, blieb zunächst unklar. Nun löst der Stadtrat das Rätsel auf: Er will mit den beiden Konzeptkünstlern ihre Vision von einem analogen Fadennetz verwirklichen. Das Netz ist als eine sinnvolle Ergänzung zum Glasfasernetz gedacht, heisst es in einer Mitteilung.

Ab Montag klingeln Riklins an Haustüren

Die partizipative Vernetzungsskulptur setzen die Riklin-Brüder in Komplizenschaft mit dem Kulturverein Staablueme um. Sie besteht aus gesammelten Schnurfäden, die alle Haushalte analog miteinander verbinden.

Am Montag startet die Fadenjagd in Altstätten. Die Riklins streifen durch die Quartiere, klingeln an Haustüren und sammeln Packschnüre. «Folgt der Digitalisierung die Analogisierung?», fragen die beiden Konzeptkünstler vom St. Galler Atelier für Sonderaufgaben. Ihre Konzeption «Analoges Fadennetz» thematisiert die Auseinandersetzung mit der Zukunft.

Laut Zukunftsforschern muss sich die Menschheit revolutionieren, will sie sich durch den Digitalisierungsexzess nicht selbst abschaffen. «Je digitaler die Welt, desto grösser die Gefahr der Zombisierung, desto mehr sollten wir gleichberechtigt in das Analoge investieren», sagen die Brüder. Die Analogisierung sei nicht Ablösung des Digitalen, sondern eine Ergänzung und Rückbesinnung zum Handfesten, Konkreten, Realen.

Mit ihrem Konzept setzen die Künstler auf eine analoge Strategie – und haben in der Stadt Altstätten eine Komplizin gefunden. Ursprünglich wollten Riklins ihr analoges Fadennetz im Limmattal verwirklichen. Das klappte nicht. Das Künstlerpaar erliess einen öffentlichen Aufruf. Fünf Gemeinden bekundeten Interesse. Umgesetzt wird das Netz exklusiv in Altstätten.

«Neben den Infrastrukturen werden die Kommunen künftig verstärkt in die Gesellschaft investieren müssen», sagt Stadtpräsident Ruedi Mattle. Gerade in Zeiten grosser Veränderungen streben viele Menschen nach Identität und suchen Zusammenhalt in einer sich immer extremer entwickelnden digitalisierten Gemeinschaft. Der vermeintliche Blödsinn sei eine sinnvolle Investition. Die Pilotphase des Projektes finanzieren die Stadt und der Kulturverein Staablueme. Über den nachfolgenden Roll-out des Fadennetzes über das gesamte Stadtgebiet – vom Hohen Kasten bis nach Oberlüchingen – entscheiden die Bürger nächstes Jahr.

Das analoge Schnurfaden- Netzwerk (Analogical Thread Network ATN) verbindet Menschen mittels eines textilen Fadens, er wird ohne Unterbruch durch alle Haushalte von Altstätten verlegt und verbindet sie wörtlich analog miteinander. Der Faden ist eine Ressource aus Fadenresten privater Haushalte und wird mit den Bewohnerinnen und Bewohnern gesammelt, zusammengeknüpft und kollektiv verlegt. Der Faden zieht sich zum Beispiel unter dem Teppich der Stube auf den Balkon hinaus, hinunter ins Blumenbeet und mittels Asphaltschlitz über die Strasse zum nächsten Haushalt.

Für die Verlegung werden Einzelpersonen, Schulklassen und Vereine instruiert. Eine Schlüsselrolle spielt der Kulturverein: «Die Staablueme feiert ihr 40-jähriges Bestehen und dies ist unser Geburtstagsgeschenk der besonderen Art», sagt Präsidentin Eva Graf. «Das analoge Fadennetz entspricht einem Grundgedanken unserer Kulturwoche: Begegnungen und Verbindungen zwischen den Menschen zu fördern.»

«Wir haben eine Stadt gefunden, die Sinn und Notwendigkeit der Verfädelisierung sieht und den Mut hat, den avantgardistischen Weg in Komplizenschaft mit der Kunst zu gehen», sagen die Riklins. Wer das analoge Fadennetz umsetze, schaffe eine neue Realität.

Dass die ursprünglich im Limmattal geplante Aktion nicht umgesetzt worden sei, liegt in der Natur der Konzeption, sagen die Künstler. «Die Idee polarisiert, spaltet die Gemüter und stellt die Sinnfrage einer möglichen Utopie ins Zentrum.» Die Beteiligung einer kantonsübergreifenden Konzeption fand im Limmattal bei Politikern und Behörden keine Mehrheit. «Auch in Altstätten wird das Projekt bestimmt kontrovers diskutiert werden», sagt Mattle. Dies gehöre zum aktiven Zusammenleben. «Eine Stadt lebt von der Auseinandersetzung in der realen, analogen Welt.»

Startschuss zur Fadenjagd aus Distanz

Am Montag, 2. November, startet um 10 Uhr die erste fünftägige Fadenjagd. Ausgangspunkt ist Lüchingen. Die Brüder sind in den Quartieren unterwegs, klopfen an Türen und Fenster – wo nötig mit einem Distanzstab. «Halten Sie Ihre Packschnüre bereit. Je mehr Laufmeter Sie in Ihrem Haushalt finden, desto besser», sagen sie. Es sollen mehrere 10000 Meter Faden gesammelt und auf Dutzende Holzstäbe gewickelt werden.

Fadensammelstelle im Rathaus Altstätten

Es werden Resten jeglicher Art gesucht. Alles, was fadenähnlich ist, findet Verwendung. Die Mindestlänge des Fadens sollte etwa 50 Meter betragen. Eine öffentliche Fadensammelstelle ist ab sofort im Eingang des Rathauses zu den regulären Öffnungszeiten zugänglich.

Am Donnerstag, 12. November, 19.30 Uhr, ist im «Sonnen»-Saal eine Infoveranstaltung für die Bevölkerung. Ruedi Mattle, die Riklin-Brüder und der Kulturverein Staablueme führen in das künstlerisch-partizipative Langzeitprojekt ein und erläutern anhand eines Films die Projektphasen des Sammelns, Verlegens und Erschliessens.

Die Teilnehmerzahl ist begrenzt. Eine Anmeldung ist erforderlich unter 071 757 77 11 oder info@altstaetten.ch). Es ist Maskenpflicht. Der Anlass wird live auf Youtube übertragen. Der Link wird auf der Website der Stadt Altstätten und dem analogen Fadennetz am 12. November aufgeschaltet

Hinweis

www.analogesfadennetz.ch
www.sonderaufgaben.ch
www.staablueme.ch
www.altstaetten.ch

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