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Melanie (in der Mitte) setzte sich gegen ihre Konkurrentinnen durch.
Melanie (in der Mitte) setzte sich gegen ihre Konkurrentinnen durch.

«Dieser Sport ist nicht zu unterschätzen»

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Hartes Training, krasse Diäten und über sich selbst hinauswachsen – Bodybuilding ist viel mehr als nur ein Hobby. Wie aus Begeisterung ein emotionales Abenteuer wurde, erzählt Bodybuilderin Melanie im Interview.

Bereits bei ihrem ersten Bodybuilding Wettkampf Anfang Oktober räumte Melanie ab. Sie holte den Sieg in der Kategorie «Bikini up to 162cm» und den Gesamtsieg des International Swiss Cup. Gleichzeitig qualifizierte sie sich für die Schweizermeisterschaft in Estavayer-le-Lac am 6. November 2021.

Name: Melanie Alter: 26 Wohnort: St.Gallen (aufgewachsen in Au) Beruf: Lokführerin in Ausbildung

Angefangen hat alles vor drei Jahren mit einem Probefitness-Abo. Was ging dir damals durch den Kopf?
Ich dachte, nach zwei Probewochen höre ich sowieso wieder auf. Überraschenderweise hat mich das Training aber voll gepackt. Im Fitness lernte ich eine Kollegin kennen, die Bodybuilding macht. Das bewunderte ich sehr. Damals dachte ich, selber hätte nie den nötigen Durchhaltewillen und könnte niemals auf Schoggi und Co. verzichten. Doch vor etwa einem Jahr habe ich mich dazu entschieden, es auch zu versuchen.

Was war nötig, damit dein Vorhaben gelingen konnte?
Der Coach von jener Kollegin hat abgecheckt, ob ich überhaupt die Genetik zum Bodybuilding mitbringe. Für meine Klasse, die Bikiniklasse, wird eine dünne Taille vorausgesetzt und man sollte nicht aussehen wie ein Muni. Bodybuilderinnen sollen sich gut bewegen können, Weiblichkeit zeigen und eine gute Ausstrahlung mitbringen. Das erhöht die Gewinnchancen an den Wettkämpfen. Ich brachte die passenden Voraussetzungen mit und der Coach wollte mich trainieren. Seit diesem Januar bereite ich mich auf die Wettkämpfe vor. Seit Juni bin ich auf einer krassen Diät, bei der ich sogar das Salz abwägen muss.

Das tönt nach diszipliniertem Vorgehen. Wie kommst du damit klar?
Ich habe es etwas unterschätzt. Es ist recht hart meine Ausbildung und das Bodybuilding unter einen Hut zu bekommen. Ich fühle mich oft schlapp. Zudem kommt der Fressneid, wenn mein Freund etwas Geiles isst. Allgemein bin ich seit der Diät und dem ständigen Hungergefühl viel dünnhäutiger geworden und ich weine öfters.

Hast du schon einmal ans Aufgeben gedacht?
Ja, das kam bereits mehrmals zur Sprache. Mein Freund konnte mich in solchen Phasen immer aufmuntern. Er ist eine grosse Unterstützung und ohne ihn hätte ich es nicht durchgezogen. Eine andere Motivationsquelle sind Instagram-Bilder von anderen Bodybuilderinnen. Mein Ziel ist es, den Schweizermeister Titel holen. Ausserdem habe ich bereits soviel Energie und Geld ins Bodybuilding gesteckt, da kann ich nicht aufgeben. Allein der Glitzer-Bikini kostete 1000 Franken.

Worin siehst du die positiven Aspekte des Bodybuildings?
Ich betreibe schon mein ganzes Leben lang Sport und ich gehe mega gern ins Training. Zudem habe ich gelernt, Mahlzeiten mehr zu schätzen, und ich gehe bewusster einkaufen. Ausserdem sind die Gefühle, wenn ich auf der Bühne stehe, überwältigend und ich sprudle nur so vor Energie. Es macht mich stolz, wenn ich sehe, wozu ich fähig bin. Auch der Zusammenhalt des ganzen Teams ist sehr schön.

Gibt es Leute, die dein Hobby nicht unterstützen?
Es gibt immer wieder Hasskommentare auf Instagram oder Facebook von Männern, die Kotzsmileys schicken oder mir sagen, ich sei viel zu krass trainiert. Ich muss nicht jedem gefallen und will auch nicht jedem gefallen solange ich mir selbst treu bleibe.

Du hast bei deinem ersten Wettbewerb in zwei Kategorien gewonnen. Woran mag das gelegen haben?
Früher machte ich Rhythmische Sportgymnastik. Daher habe ich den Vorteil, mich gut bewegen zu können. Ich bringe auch eine gewisse Ausstrahlung mit. Als ich aber meine Konkurrentinnen sah, hätte ich nie gedacht, dass ich gewinnen werde. Neben ihnen fühlte ich mich zu massig. Das passiert den meisten vor den Wettkämpfen. Man verliert das Selbstbild während einer Wettkampfdiät.

Mit diesen Siegen hast du dich für die Schweizermeisterschaft qualifiziert. Wie bereitest du dich vor?
Mit einer strengen Diät. Ich ernähre mich nur noch von Poulet, dem Weissen vom Ei, Tomaten, Broccoli, Haferflocken, Kartoffeln und Fisch. Zusätzlich trainiere ich fünf Mal pro Woche etwa eineinhalb bis zwei Stunden. Dabei spielt Timing eine wichtige Rolle. Um welche Zeit ich esse oder wann ich trainiere ist genau geplant. Mein Leben ist von A bis Z durchgetaktet, was ich aber als positiv empfinde.

Wie geht es nach der Schweizermeisterschaft weiter?
Danach wird eine lange Pause folgen. Ich möchte mich auf meine Ausbildung konzentrieren, die ich nächsten Sommer abschliesse. Bodybuilding nimmt viel Zeit in Anspruch und mein Sozialleben hat gelitten. Das soll kein Dauerzustand sein. Ich möchte wieder mit Freunden essen gehen und nicht meine Diätkost mitbringen müssen. Falls es mich irgendwann wieder packt, würde ich erneut für Wettkämpfe trainieren, aber zurzeit sind mir andere Dinge wichtiger.

 

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