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Der Herisauer Christian Bötschi geht nach 37 Jahren in Pension.
Der Herisauer Christian Bötschi geht nach 37 Jahren in Pension. (Bild: Michel Canonica)

Dienstältester Staatsanwalt tritt ab

Selina Schmid Kommentare

Christian Bötschi spricht über Michael Lauber, emotionale Fälle und die Arbeitsbedingungen beim Kanton.

Selina Schmid

Am Donnerstag übergab Christian Bötschi seine Schlüssel als leitender Staatsanwalt in Appenzell Ausserrhoden an seinen Nachfolger Michael Friedli. Nach 37 Jahren in der Strafverfolgung geht Bötschi als amtältester leitender Staatsanwalt der Schweiz in Pension. Dass er seine Karriere in der Strafverfolgung machen würde, war allerdings Zufall.

Im Jurastudium an der Universität Zürich war Strafrecht eines seiner schwächeren Fächer. Doch die Materie hatte den gebürtigen Herisauer fasziniert. So absolvierte er nach einer Assistenzstelle an der Universität ein Praktikum bei der Anklagekammer des Kantons St. Gallen. Auf die Stelle als Verhörrichter in Ausserrhoden bewarb er sich erst auf Rat eines Kollegen. Er übernahm direkt die Leitung des Verhöramtes. Er war 28 Jahre alt. 1996 wurde er zum leitenden Staatsanwalt gewählt.

Aus jedem Fall gelernt

Heute sagt Bötschi: «Die Ausbildung an der Universität bereitete mich nicht auf den beruflichen Alltag vor.» Es war die Mitarbeiterin Elisabeth Rohrer, die Bötschi die administrativen Abläufe erklärte. Kollegen gaben nützliche Tipps. «Es war ein anstrengendes ‹Learning By Doing›.» Auch die Fälle, welche Bötschi als Verhörrichter untersuchte, wurden rasch intensiv. An sein erstes Tötungsdelikt, eine Kindestötung durch Schütteltrauma, erinnert er sich gut. «Auch wenn man diese Fälle immer wieder hört und ich als Staatsanwalt das Geschehene analysiere, nimmt es einen mit.» In seiner Karriere habe es mehrere Fälle gegeben, die ihn beschäftigt hatten, etwa wenn sein persönliches Umfeld betroffen oder der Fall besonders brutal war. Bötschi sagt: «Abgehärtet wird man nie, doch man lernt aus jedem Fall.»

Bötschi sagt, er sei bemüht gewesen, mit dem Strafrecht nicht mehr zu zerstören als nötig. «Wer einmal einen Fehler macht, sollte nicht die gleiche Strafe bekommen, wie jemand, der unbelehrbar ist.» In diesen Fällen wurde Bötschi streng. Das Gesetz erlaubt diesen Ermessensspielraum. Ein Staatsanwalt brauche neben Kenntnissen des Strafrechts und des Strafprozessrechts auch Menschenverstand, Geduld und gute Nerven. «Denn häufig traf ich die unangenehmen Aspekte der Gesellschaft an.» Und Bötschi ist pragmatisch. «Wir müssen nicht alles mit dem gleichen Aufwand machen, denn wir haben nicht die Ressourcen anderer Kantone.»

Delikte haben sich verdoppelt

Seit Bötschi Verhörrichter wurde, hat sich viel verändert. Durch die eidgenössische Strafprozessordnung von 2011 wurden die Prozesse komplexer und die Arbeitsbelastung grösser. Die Zahl der Delikte habe sich verdoppelt, besonders Wirtschaftsdelikte hätten zugenommen. Ausserrhoden habe viele Firmen, welche durch die tiefen Steuern ihren Sitz im Kanton hätten und in der ganzen Schweiz faule Geschäfte abwickelten. Jene Verfahren würden dann bei der Staatsanwaltschaft Ausserrhoden hängen bleiben.

Betrügereien im Internet seien frustrierend, so Bötschi. «Sitzt die Täterschaft im Ausland, ist die Chance auf Ermittlungserfolg gleich null.» Polizei und Staatsanwaltschaft setzen hier auf Prävention. Bötschi sagt: «Die Staatsanwaltschaft ist immer zu spät. Wenn wir da sind, ist schon etwas geschehen.» Im Vergleich sei die Staatsanwaltschaft personell nur wenig ausgebaut worden, so Bötschi. Durch eine umfassende Reorganisation in den letzten Jahren sei die aktuelle Arbeitslast wieder einigermassen zu bewältigen.

Der fähige Bundesanwalt Michael Lauber

Im Gegensatz zur Polizei steht die Staatsanwaltschaft nur selten im Zentrum der öffentlichen Diskussionen. Das sei auch in ihrem Interesse, so Bötschi. «Unsere Aufgabe ist die Aufklärung von Verbrechen.» Die Staatsanwaltschaften in anderen Kantonen oder die Bundesanwaltschaft sorgten in den letzten Jahren für Schlagzeilen. Gerade im Zusammenhang mit der Bundesanwaltschaft sei die Berichterstattung nicht objektiv gewesen, sagt Bötschi. Er habe die Geschehnisse als Vorstandsmitglied der Schweizerischen Staatsanwältekonferenz beobachtet und sagt: «Die Medien haben sich bei Michael Lauber auf Details fixiert und diese ausgeschlachtet, aber verkannt, wie sehr er die Zusammenarbeit zwischen den kantonalen und den nationalen Behörden gefördert und gute Strukturen im Kampf gegen neue Kriminalitätsformen aufgebaut hat. Ich halte ihn nach wie vor für einen sehr fähigen Bundesanwalt.»

Gegen Lauber und gegen Fifa-Präsident Gianni Infantino wird seit Anfang Jahr im Zusammenhang mit ominösen Geheimtreffen im Berner «Schweizerhof» ermittelt. Es geht um Verdacht auf Amtsmissbrauch, Verletzung des Amtsgeheimnisses und Begünstigung. Es gilt die Unschuldsvermutung.

Kanton muss attraktiver werden

Bötschi engagierte sich 20 Jahre lang nebenbei für bessere Anstellungsbedingungen des Kantons beim Staatspersonalverband, zuletzt als Präsident. So hatte er auch Einsitz in anderen Vereinigungen wie der Verbändekonferenz und der Sozialpartnerkonferenz. Heute fehle dem Kanton etwas, das ihn als Arbeitgeber besonders und attraktiv macht, sagt Bötschi. «Wir nutzen die Freiheiten und Individualität unserer Strukturen zu wenig. Wir könnten leicht viel mehr rausholen.» Es gehe um mehr als den Lohn. Genauso wichtig seien die Förderung der Angestellten und fortschrittliche Anstellungsbedingungen, so Bötschi. Dieses Amt wird er dieses oder kommendes Jahr abgeben.

Nach 37 Jahren übergibt Bötschi die Leitung der Staatsanwaltschaft an Michael Friedli. Friedli leitet seit 13 Jahren die Jugendanwaltschaft des Kantons Appenzell Ausserrhoden. Seit 2016 ist er Stellvertreter des leitenden Staatsanwaltes. Bötschi sagt über seinen Nachfolger: «Er ist jung, dynamisch und gut gerüstet, die Probleme der Zukunft anzugehen.» Christian Bötschi selbst will sich nun auf seine Familie konzentrieren. «Durch die Arbeitsbelastung der letzten Jahre blieb für vieles wenig Zeit.» Er ist verheiratet und hat drei erwachsene Kinder.

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