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Altstätten

  • In den Räumen der Alten Stickerei werden die Kleinklassenschüler nicht nur mit dem Kopf, sondern auch mit den Händen lernen, sagt Altstättens Schulpräsident Remo Maurer.
    In den Räumen der Alten Stickerei werden die Kleinklassenschüler nicht nur mit dem Kopf, sondern auch mit den Händen lernen, sagt Altstättens Schulpräsident Remo Maurer. (Max Tinner)
  • Die regionale Kleinklasse ist in der Alten Stickerei an der Rorschacherstrasse 41 eingemietet.
    Die regionale Kleinklasse ist in der Alten Stickerei an der Rorschacherstrasse 41 eingemietet.
  • Die alten Bodenbeläge wurden entfernt und die Fenster ersetzt. Im Übrigen bleibt der Altwohnungscharakter erhalten.
    Die alten Bodenbeläge wurden entfernt und die Fenster ersetzt. Im Übrigen bleibt der Altwohnungscharakter erhalten.
  • Auch der Estrich steht der Kleinklasse zur Verfügung. Er ist so gross wie eine kleine Turnhalle.
    Auch der Estrich steht der Kleinklasse zur Verfügung. Er ist so gross wie eine kleine Turnhalle.
  • In den Räumen der Alten Stickerei werden die Kleinklassenschüler nicht nur mit dem Kopf, sondern auch mit den Händen lernen, sagt Altstättens Schulpräsident Remo Maurer.
  • Die regionale Kleinklasse ist in der Alten Stickerei an der Rorschacherstrasse 41 eingemietet.
  • Die alten Bodenbeläge wurden entfernt und die Fenster ersetzt. Im Übrigen bleibt der Altwohnungscharakter erhalten.
  • Auch der Estrich steht der Kleinklasse zur Verfügung. Er ist so gross wie eine kleine Turnhalle.

Die letzte Chance vor dem Heim

Max Tinner Kommentare

Mit dem neuen Schuljahr startet in der Alten Stickerei in Lüchingen eine regionale Kleinklasse für Kinder, die in ihrer angestammten Klasse den Unterricht dauernd dermassen stören, dass kaum noch ein Kind etwas lernen kann.

ALTSTÄTTEN. Vor vielleicht 50 Jahren hätte ein Kind, das im Unterricht nicht pariert, Tatzen bekommen, Schläge mit einem Stecken oder einem Lineal auf die Handfläche. Solche brachialen Methoden gibt es heute vernünftigerweise nicht mehr. Das eigentliche Problem besteht allerdings nach wie vor. Auch heute gibt es Schüler, die dem Lehrer oder der Lehrerin gegenüber gehorsamresistent zu sein scheinen. Das kann so weit gehen, dass ein Kind den Unterricht dermassen stört, dass ein geordneter Schulbetrieb unmöglich wird – indem es laufend «Seich» macht, streitet oder gar gegen Klassenkameraden oder den Lehrer gewalttätig wird.

Immer öfter auch Primarschüler

Vor sieben Jahren haben die drei Oberstufenschulgemeinden im Oberrheintal darum gemeinsam eine Time-out-Klasse eingerichtet. In diese werden seitdem solche Problemschüler (oder auch -schülerinnen) für einige Monate versetzt, in der Hoffnung, dass sie sich wieder fangen und sich nach dem Time-out in ihrer ursprünglichen Klasse besser einfügen. Zum einen hat sich nun aber gezeigt, dass in manchen Fällen die Situation nach der Rückkehr aus der Time-out-Klasse nicht wesentlich besser ist als vorher. Zum anderen beschränkt sich das Problem nicht mehr auf Oberstufenschüler. In jüngerer Zeit sind nämlich vermehrt auch Primarschüler dem Time-out zugewiesen worden.

Bis zum Ende der Schulzeit

Darum startet nun mit dem neuen Schuljahr eine neue regionale Kleinklasse, in der Schülerinnen und Schüler, die in der Regelklasse nicht tragbar sind, auf Dauer zur Schule gehen – also nicht nur für ein paar Monate wie in der Time-out-Klasse, sondern in der Regel bis zum Abschluss der obligatorischen Schulzeit. Dennoch wird für jedes Kind jährlich geprüft, ob die gesonderte Beschulung weiterhin nötig ist oder ob eine Rückkehr in die «normale» Schule möglich ist.

Nicht nur unbequem

Der Kleinklasse zugewiesen werden die Kinder und Jugendlichen nicht einfach, wenn sie einem Lehrer unbequem sind. «Es braucht einiges, bis es so weit kommt – für eine solche Massnahme ist Voraussetzung, dass es mit dem Kind in der regulären Klasse effektiv nicht mehr geht», betont Remo Maurer, Schulratspräsident von Altstätten. Voraussetzung ist weiter ein schulpsychologisches Gutachten, das die Massnahme befürwortet, sowie die Einwilligung der Eltern.

Kooperationswillen braucht's

Und letzten Endes muss auch der einzelne Schüler ein Mindestmass an Kooperationsbereitschaft zeigen: «Ist jemand gar nicht therapiewillig, nützt die beste Therapie nichts», veranschaulicht es Maurer. In einem solchen Fall bliebe nur die Zuweisung in ein Sonderschulheim – oder im Extremfall ins Jugendheim Platanenhof. So gesehen ist die Kleinklasse für einen «schwierigen» Schüler die letzte Chance vor dem Heim.

Das Modell ist im Kanton bislang einzigartig. Remo Maurer ist aber der Ansicht, dass es Modellcharakter haben wird. Gäbe es andernorts auch solche Kleinklassen, wäre in manchem Fall eine Zuweisung an ein Sonderschulheim nicht nötig, meint er.

Untergebracht sein wird die neue regionale Kleinklasse in Lüchingen an der Rorschacherstrasse 41. Hier befand sich einst eine Stickerei. Später war hier die Disco Möbel, die dann nach Marbach ging. Heute ist das Areal ein kleiner Gewerbepark mit mehreren Unternehmen, unter anderem Leons Männermode. Die regionale Kleinklasse wird in dem Gebäude zwei Altwohnungen nutzen. Auch der grosse Estrich steht ihr zur Verfügung.

Mit dem Unterschied der längerfristigen Zuweisung ist die Kleinklasse mit der Time-out-Schule (welche es weiterhin geben wird) vergleichbar. Geführt wird sie in zwei altersgerechten Gruppen: mit einer Klasse auf Primarstufe für Dritt- bis Sechstklässler und mit einer Klasse für Oberstufenschüler.

Mit den Händen lernen

Schulisch wird der Fokus auf soziales und emotionales Lernen gelegt. «Die Kinder in dieser Kleinklasse sind nicht unbedingt lernschwach – sie werden hauptsächlich wegen sozialer Probleme hierhin überwiesen», erklärt Remo Maurer. Die Auseinandersetzung mit dem eigenen Verhalten wird deshalb einen Schwerpunkt bilden. Darauf wird das schulische Lernen aufgebaut. Dies wird man wie in der Time-out-Schule ausgesprochen handlungsorientiert tun – die Kinder werden nicht nur mit dem Kopf, sondern auch mit den Händen lernen.

Getragen wird die Kleinklasse von allen Schulgemeinden im Oberrheintal, sowohl von den Primar- als auch von den Oberstufenschulgemeinden. Administrativ geführt wird sie von der Primarschulgemeinde Altstätten, die auch das nötige Personal einstellt.

Leiten wird die Kleinklasse Peter Kuster, der auch die Time-out-Schule leitet. Beschult werden die Kinder von der Lehrerin und Psychologin Rita Barroso und von Corinne Buschor, einer Altstätterin, die bereits in Bern an einer solchen Kleinklasse Schule gegeben hat. Ausserdem werden die Kinder vom Sozialpädagogen Renato Schwendener betreut, der zuletzt in der Altstätter Behinderteninstitution Jung Rhy arbeitete.

Start mit fünf Schülern

Starten wird die Kleinklasse am 10. August mit fünf Schülern, die in ihrer angestammten Klasse eine längere Vorgeschichte haben. Auch die Time-out-Klasse wird bereits mit fünf Jugendlichen besetzt sein – was für Remo Maurer alarmierend ist: Eine Time-out-Klasse sollte sich erst im Verlauf des Schuljahres nach und nach füllen und nicht schon zum Schuljahrbeginn halb voll sein, sagt er. «Wenn jetzt schon so viele Schüler zugewiesen sind, deutet dies darauf hin, dass es in den Schulen zunehmend Probleme gibt.» Was wiederum befürchten lässt, dass es auch in der Kleinklasse nicht bei fünf Schülern bleiben wird.

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