rheintaler.ch

Regionalsport

Angekommen: Nach 38 geschwommenen, 1800 geradelten und 422 gelaufenen Kilometern kann Carsten Sacher seine Gefühle schwer beschreiben. Bei der Zeremonie des Deca-Ultra-Iron-Triathlons, den weltweit erst etwa 50 Athleten bewältigten, fühlte er sich «wie ein Olympiasieger».
Angekommen: Nach 38 geschwommenen, 1800 geradelten und 422 gelaufenen Kilometern kann Carsten Sacher seine Gefühle schwer beschreiben. Bei der Zeremonie des Deca-Ultra-Iron-Triathlons, den weltweit erst etwa 50 Athleten bewältigten, fühlte er sich «wie ein Olympiasieger». (pd)

Der mentale Held

Raffael Zanoni Kommentare

Anfang November hat sich der Widnauer Carsten Sacher (46) in Mexiko seinen Lebenstraum erfüllt: An zehn aufeinanderfolgenden Tagen bewältigte er zehn Ironman-Triathlons.

Carsten Sacher, am sogenannten Deca-Ultra-Iron-Triathlon sind Sie in zehn Tagen von Widnau nach St. Gallen geschwommen, von Widnau nach Rom und zurück geradelt und von Widnau nach Basel und retour gerannt. Geht es Ihnen gut?

Carsten Sacher: Absolut. Mir geht es sehr gut. Seit 1996 träume ich davon, an einem Deca-Ultra-Triathlon teilzunehmen. Fast 20 Jahre später konnte ich meinen Traum realisieren. Weltweit gibt es nur etwa 50 Sportlerinnen und Sportler, die den Deca geschafft haben.

Zehn Ironman-Triathlons an zehn Tagen. Also täglich 3,8 km schwimmen, 180 km Rad fahren und zur Krönung einen Marathon (42,2 km) laufen. Während dem Wettkampf ging es Ihnen vermutlich weniger gut?

Sacher: Erstaunlicherweise haben die positiven Phasen überwogen. Ich war mental bärenstark. Anders wäre das gar nicht realisierbar gewesen: Ich wäre gescheitert, wenn ich mir jeden Tag die unvorstellbaren Gesamtdistanzen vor Augen gehalten hätte.

Was dazu führte, dass Ihre Tageszeiten nach Rennhälfte sogar besser wurden. Anfangs brauchten Sie zum Teil über 16 Stunden pro Ironman. An den Tagen sieben, acht und zehn waren es keine 15 Stunden mehr.

Sacher: Ja, das ist aber nicht die Regel: Um das Verletzungsrisiko zu reduzieren, bin ich den Wettkampf bewusst sehr langsam angegangen. Somit konnte sich mein Körper an die täglichen Belastungen adaptieren. Ab Tag sechs hatte ich dann kürzere Arbeitstage und somit mehr Zeit zum Schlafen und Energie zu tanken.

Bei den anderen Athleten war das folglich umgekehrt?

Sacher: Tendenziell ja. Am Ende kamen von 18 Gestarteten elf ins Ziel – zum Teil auch mit über 18 Stunden pro Renntag. Da ich mich ab Rennhälfte wirklich top fühlte, bekam ich den Spitznamen «Mental Champion».

Aber auch beim mentalen Helden gab es psychische Tiefs?

Sacher: Und ob – die gab es wirklich (lacht): Am fünften Tag habe ich mit dem Gedanken gespielt, mein Velo zu verschenken und das alles an den Nagel zu hängen. Davor hatte ich nichts gegessen und wurde wirklich zickig. Eine Portion Haferschleim hat geholfen, diese kurze Trotzphase schnell zu überwinden.

Wie hat Ihr Körper auf die extreme Belastung reagiert?

Sacher: Durch Stress, Schmutz und Sonneneinstrahlung hatte ich einen ziemlichen hässlichen Ausschlag an den Beinen. Da das nicht geschmerzt hat, und ich keinen Schönheitspreis gewinnen wollte, bin ich gut damit zurechtgekommen. Was wichtiger war: Die Füsse blieben trotz zehn Marathons ohne einzige Blase. Ich hatte fünf Paar Laufschuhe dabei und konnte vor Ort variieren.

Der Austragungsort Leon liegt auf 1815 Meter über Meer. Hatten Sie mit der dünneren Luft keine Probleme?

Sacher: Gerade am Anfang mussten alle Triathleten oft husten. Ob das aber nun an der Höhe, der Luftverschmutzung oder der körperlichen Belastung lag, weiss niemand so genau. Mit etwas Asthmaspray konnten wir die Lage entschärfen. Zudem hatte ich einen Reiseluftbefeuchter meines Arbeitgebers Plaston dabei, der mir sehr gut geholfen hat.

Wichtig war auch Ihr Betreuer, Stefan Schlett.

Sacher: Ohne ihn hätte ich das nicht geschafft. Stefan ist seit 30 Jahren hauptberuflich Extremsportler und kannte meine Bedürfnisse. Im Gegenzug ist er in seiner Rolle richtig aufgegangen, was man beispielsweise an den witzigen Berichten auf meiner Homepage (www.extremsport ler.com) und Facebook erkennen kann.

Was waren seine Aufgaben?

Sacher: Stefan hat sich darum gekümmert, dass alles bereitstand, was ich brauchte: Verpflegung, Material und Kleidung. Ab dem fünften Tag hat er mich dazu verdonnert, zum Mittagessen ein Glas Rotwein zu trinken. Das war auch ziemlich förderlich für die Motivation.

Welche Rolle nahm Ihre Familie ein, die sonst oft selber bei Wettkämpfen vor Ort ist?

Sacher: Ich habe jeden zweiten Tag mit meiner Frau Bettina und meinem Sohn Luca via Skype kommuniziert. Bettina hat mir im Vorfeld Zitate geschrieben, die ich beim Frühstück las; zum Beispiel: «Ich bin krank, aber nicht so krank, dass ich nicht 24 Stunden laufen kann.» Weiter verdanke ich es den beiden, dass ich meinen sportlichen Traum überhaupt realisieren konnte.

Neben viel Zeit hat Sie Ihr hoch gestecktes Ziel auch enorm viel Energie gekostet. In zehn Tagen haben Sie knapp 80 000 Kalorien verbraucht – und auch wieder eingenommen?

Sacher: Zumindest versucht: am Tag habe ich etwa 4500 kcal konsumiert. Ob Nudeln, Reis, Pizza, Burger, Obst oder Riegel – ich habe die lokale Küche genossen. Hinzu kamen 100 Liter Flüssigkeit – Wasser, isotonische Getränke oder Cola – über das ganze Rennen verteilt.

Wie oft und wie lange haben Sie geschlafen?

Sacher: Das Ziel war es, täglich um Mitternacht frisch geduscht im Bett zu liegen, damit ich sechs Stunden Schlaf bekomme. Durch Verzögerungen und längere Zeiten war das nicht immer möglich. Überhaupt waren die Nächte teils sehr unruhig. Umso erstaunlicher, dass ich jeden Morgen um 6.15 Uhr motiviert aufgestanden bin.

Es ist ohnehin übermenschlich, diese Leistung vollbracht zu haben. Können Sie den letzten Moment in Worte fassen?

Sacher: Naja, bis heute habe ich nicht annähernd realisiert, was ich da geleistet habe. Das Gefühl am Ende ist schwer zu beschreiben: Die Strapazen, Schmerzen, Tränen und Entbehrungen der vergangenen Tage sind plötzlich verflogen. Du könntest die ganze Welt umarmen, wie ein Kind weinen und zugleich in den Himmel schreien – einfach abartig geil und unvergesslich. Und als mir die Finisher-Medaille um den Hals gehängt wurde, da fühlte ich mich wie ein Olympiasieger.

Nach dem Erreichen eines Lebenstraums hat man sich eine Pause verdient. Oder?

Sacher: Klar, aber ich mache meinen Sport ja immer mit Freude. Deshalb war ich eine Woche später schon wieder in Widnau joggen.

Gibt es denn überhaupt noch Ziele, die Sie als Ultra-Triathlet erreichen können?

Sacher: Vor dem Deca habe ich immer gesagt: Wenn ich den Wahnsinn überlebe, höre ich mit dem Sport auf. Wer mich kennt, weiss, dass dieser Satz nicht nachhaltig ist. (lacht) Es gäbe da zum Beispiel noch den Double oder Triple Deca, wo man 20 respektive 30 Ironman-Triathlons absolviert. Sollte so ein Wettkampf irgendwann noch einmal stattfinden, kann ich mir gut vorstellen, daran teilzunehmen.

Folge uns: