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(Schweizer Armee)

«Corona-Soldat»: Unterwegs mit der Militär-Ambulanz

Rk Kommentare

Hunderte junge Menschen haben ihre Alltagskleidung durch die Armee-Uniform ersetzt und leisten während Corona Dienst. Ein Soldat gibt Einblick in sein momentanes Leben.

Unser Interviewpartner möchte anonym bleiben. Er ist Mittzwanziger und lebt im Rheintal.

Was ist dir durch den Kopf gegangen, als du den Marschbefehl erhalten hast?
Eigentlich hatte ich gehofft, sie hätten mich vergessen. Am 27. März lag dann aber der Marschbefehl im Briefkasten: Am folgenden Montag müsse ich für drei Monate einrücken. Die Möglichkeit, zwischendurch nach Hause gehen zu können, sei ungewiss. Einer meiner ersten Gedanken war: «Besitze ich überhaupt genügend Unterwäsche?» Im ersten Moment war ich nicht wahnsinnig erfreut über den Brief. Andererseits hatte ich schon weniger Sinnvolles im Militär gemacht, deswegen war ich ‘medium’ motiviert.

Was packt man ein, wenn man auf unbestimmte Zeit ins Militär einrückt?
Ganz sicher den Laptop. Meistens hat man im Militär recht viel Zeit, da ist es gut, wenn man Filme schauen kann. Und sonst alles, was irgendwann irgendwie nützlich sein könnte: Badehosen, Trainerhosen, Kappe und Handschuhe, zwei Paar Kopfhörer, alle Unterwäsche und Socken, die ich finden konnte, Jasskarten, Brettspiele… Ich habe sogar ein Notköcherchen mitgenommen, falls ich mir mal selbst Essen machen müsste – das war aber nie der Fall.

Wie sieht ein typischer Tag für dich aus?
Ich arbeite beim MZR (Medizinisches Zentrum der Region). Wir sind eine grössere Krankenabteilung, die Angehörige des Militärs medizinisch versorgt. Im Moment sind wir allerdings eine reine Corona-Abteilung. Nach dem Aufstehen gibt es den Morgenrapport mit den Patienteninformationen und der Arbeitseinteilung, dann Frühstück. Danach bin ich in Reserve oder habe Dienst. Im Dienst gehen wir zu zweit los, holen die Leute mit dem Ambulanzauto ab und bringen sie auf die Station. Anschliessend fahren wir die Tests ins Labor und warten auf unseren nächsten Auftrag. Im Moment ist es entspannt. Anfangs jedoch sind wir ziemlich oft hin- und hergefahren.

Wie funktioniert essen, leben, schlafen bei so vielen Leuten unter Einhaltung der Schutzmassnahmen?
Wir halten die Hygienemassnahmen so gut es geht ein, aber es ist wie in einer Familie: Man kann sich nicht ganz aus dem Weg gehen. Wenn es bei uns einen erwischt, sind die Chancen relativ gross, dass sich alle anstecken. Wir tragen natürlich Schutzmasken, sobald wir die Krankenstation betreten. Die Aufenthaltsräume sind jedoch relativ klein.

Hast du Angst, dich anzustecken?
Am Anfang hatte ich ziemlichen Respekt davor. Besonders beim Abholen von Patienten. Von drei Personen werden sicher ein, zwei, wenn nicht sogar alle, positiv auf Corona getestet. Mittlerweile ist das unsere Normalität. Dank der Schutzausrüstung hat sich in unserem Team noch niemand angesteckt, obwohl wir zeitweise 40 positiv Getestete betreut haben.

Wie verbringt ihr eure Freizeit? Habt ihr ein Wochenende?
Ganz offiziell decken wir 24 Stunden ab: Man leistet 8 Stunden Dienst, 8 Stunden ist man in der Reserve und 8 Stunden lang sind wir nirgends eingeteilt. Wochenenden im klassischen Sinne gibt es nicht, aber einen Tag pro Woche haben wir frei. Neu darf man jede zweite Woche für zwei Tage nach Hause.
Wir dürfen das Gelände zwar verlassen, aber viel zu  unternehmen ist ohnehin nicht möglich.  Vielleicht Sport treiben, ein bisschen in die Natur gehen, ausschlafen. Ich studiere zu 50%, also ist mein freier Tag mein Schultag.

Was – oder wen – vermisst du am meisten während deinem Armee-Einsatz?
Die Leute, die man normalerweise um sich hat: Familie, Freunde. Aber diese zwei Tage zuhause waren unter Lockdown auch nicht dasselbe. Ich vermisse mein «normales Leben».

Welche Ausbildung hast du im Militär durchlaufen?
2015 habe ich die Rekrutenschule als Sanitätssoldat absolviert und die insgesamt 300 Diensttage als Durchdiener geleistet. Nach der RS bin ich einem Rekrutierungszentrum zugeteilt worden und habe dort bei medizinischen Tests geholfen.

Danke an alle, die zum Schutz der Bevölkerung Dienst leisten!

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