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(Alina Graber)

Containern: Lebensmittel retten aus Protest (Teil 1)

Ag Kommentare

Was für die einen überlebensnotwendig ist, ist für andere reiner Protest. Die Rede ist vom Containern. Das Retten von Lebensmitteln aus dem Müll wird zum Trend, denn es wird viel zu viel weggeworfen.

An einem kalten Sonntagnachmittag sassen Kim, eine gute Freundin von mir, Kaspar, ein seltener Gast, und ich draussen auf der Veranda und unterhielten uns über Gott und die Welt. Auf einmal erwähnte Kaspar: «Manchmal gehen wir Containern». Ich schaute ihn an und fragte: «Was, ihr geht Containern?» Mein Gesichtsausdruck sprach wohl Bände, als ich das sagte. Ich stellte mir vor, wie Kaspar und seine Freunde in Container klettern und Lebensmittel herausfischen. Ich muss zugeben, dass der Gedanke daran gemischte Gefühle in mir auslöste. Wir haben ziemlich lange über dieses Thema gesprochen und Kaspar klärte uns auf. Auch Tage später machte ich mir noch Gedanken über dieses aussergewöhnliche Hobby.

Vorurteile und Verschwendung
Wer sich noch nie mit Containern auseinandergesetzt hat, sieht es wahrscheinlich als illegale Handlung von Bedürftigen an. Mit diesem Vorurteil wird aber nur an der Oberfläche des Themas gekratzt, denn es gibt noch einen ganz anderen Grund dafür, sich auf einen Tauchgang in Container zu begeben. Nämlich aus Trotz. Schnell wurde mir klar, dass zwar manche aus Not, viele aber auch aus Protest gegen die Lebensmittelverschwendung handeln. Mülltauchen hat sich in den letzten Jahren als regelrechte Protestbewegung gegen die Mitverantwortlichen der Lebensmittelverschwendung etabliert. Dies aus gutem Grund. Rund 10 Prozent der in der Schweiz verschwendeten Lebensmittel im Jahr 2019 gehen auf das Konto der Gross- und Detailhändler. Das entspricht 297‘000 Tonnen Nahrungsmittel. Diese Zahl löst in vielen Köpfen Empörung aus. Deshalb haben einige Leute begonnen, die weggeworfenen Lebensmittel aus den offenstehenden Containern zu retten. Mittlerweile haben sich in fast jeder Schweizer Stadt Communities entwickelt, die Tipps und Tricks an «Anfänger» weitergeben.

Die Schweiz hat noch kein Gesetz
Leider ist das keine langfristige Lösung des Problems. Momentan wird Containern an vielen Orten still toleriert. Würden die nächtlichen Beutezüge rapide ansteigen, müssten die Lebensmittelhändler aber eingreifen. Schliesslich verlieren sie mit jedem, der sich von Lebensmitteln aus der Tonne ernährt, einen zahlenden Kunden. Nichtsdestotrotz erregt Containern immer mehr Aufmerksamkeit. Die Lösung, die auch von vielen Aktivisten gefordert wird, ist ein Gesetz wie es in Frankreich bereits existiert. Seit 2016 dürfen dort grössere Supermärkte ihre noch geniessbaren Lebensmittel nicht mehr wegwerfen. Unverkaufte Ware muss entweder gespendet, als Tiernahrung genutzt oder als Kompost verwendet werden. Supermärkte sollen zudem Vereinbarungen mit karitativen Organisationen zur Abnahme von unverkauften Lebensmitteln abschliessen. Viele Grossverteiler setzen sich aber aus Eigeninitiative, und bestimmt auch aufgrund des gesellschaftlichen Drucks, immer mehr gegen Food Waste ein.

Ich habe bei Migros und Coop nachgefragt, wie sie zum Containern stehen. Die beiden Grossverteiler waren sich einig. «Containern ist nicht im Sinne der Migros» und «Containern ist bei Coop kein Thema». Diesen Antworten beigefügt war jeweils ein Konzept gegen Food Waste.

Morgen erzählt Kaspar, was er beim Müll tauchen findet, warum er damit begonnen hat und ich wage einen Selbstversuch.

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