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(Alina Graber)

Containern: Ein Gespräch mit einem Aktivisten und ein Selbstversuch (Teil 2)

Ag Kommentare

Ich wollte unbedingt nochmal mit Kaspar über das Containern sprechen. Also habe ich ihn nach seiner Motivation gefragt und wie er überhaupt zum Mülltauchen gekommen ist.

«In erster Linie mache ich es, um kostenlos an Lebensmittel zu gelangen, natürlich aber auch aus ethischen Gründen. Die Verschwendung nervt mich sehr. Ausserdem ist das Containern in der linken Szene ziemlich populär. Jemand aus meiner Gruppe hat eines Tages den Vorschlag gebracht, und alle waren der Meinung, wieso eigentlich nicht?»

Kaspar selbst wurde noch nie beim Containern erwischt, geschweige denn darauf angesprochen. Er hat aber auch immer darauf geachtet, dass ihn niemand dabei sieht. Dass er viele Lebensmittel findet, hat mich nicht verwundert. Doch darüber, dass manchmal sogar Tabak, Wein und Bier im Abfall landen, war ich doch ein wenig überrascht. Schliesslich haben solche Produkte eine sehr lange Haltbarkeit. Ausserdem seien viele der weggeworfenen Esswaren noch gar nicht abgelaufen, weiss Kaspar aus Erfahrung. Eine Freundin von ihm fand sogar mal eine Schokoladentorte.

«Am bequemsten ist das Mülltauchen natürlich bei jenen Lebensmittelhändlern, die ihre Container offen draussen stehen lassen», sagt Kaspar. Er sei tatsächlich schon auf Lebensmittel gestossen, die zum Mitnehmen neben den Containern bereitgestanden sind. Ausserdem haben Freunde von Kaspar an Weihnachten sogar Geschenke vorgefunden, die von Mitarbeitenden mit den Worten «Wir wünschen auch euch schöne Weihnachten» bereitgelegt worden sind. Daraus lässt sich schliessen, dass den Angestellten bewusst ist, dass bei ihnen gecontainert wird. So einfach gestaltet sich die nächtliche Suche natürlich nicht immer. «Oft klettern wir in die Lastwagen, die hinter den Läden stehen. Die Container werden nach Ladenschluss direkt in die Lastwagen gestellt. Diese bleiben die ganze Nacht vor Ort und stehen meistens offen.» Optimal sei es, ein Auto zur Verfügung zu haben, damit in relativ kurzer Zeit mehrere Läden abgeklappert werden können.

In Kanada offiziell legal
Beim Mülltauchen stellt sich oft die Frage: «Was passiert, wenn ich erwischt werde?» In der Schweiz ist Containern nicht illegal, Hausfriedensbruch und Sachbeschädigung dagegen schon. Wer einen Zaun oder eine Absperrung überwindet, kann wegen Hausfriedensbruchs angezeigt werden. Dass weder Container beschädigt noch Schlösser geknackt werden dürfen, versteht sich von selbst. Wenn ein Container aber frei zugänglich ist, steht dem Wühlen rein rechtlich nichts im Weg. In Kanada wurde Containern sogar offiziell legalisiert, weshalb nun auch am helllichten Tag nach Müll getaucht wird.

Freunde von Kaspar wurden schon erwischt, durften aber mit einer Verwarnung abziehen. Auch Kaspar meint, dass er nie nervös ist oder sich schlecht dabei fühlt, da es in seinen Augen keine Straftat ist. Er ist sich sicher, dass er sich aus der Situation herausreden könnte, sollte er mal erwischt werden.

Der Selbstversuch
Ich konnte nach meinen Recherchen nicht widerstehen und wollte selbst einmal in einen Container steigen. Den ersten Versuch startete ich mit meiner Freundin Annick in Basel. Voller Tatendrang, mit Stirnlampen und Jutebeutel bepackt, machten wir uns auf den Weg. Nur um kurze Zeit später festzustellen, dass Containern mitten in der Stadt nahezu unmöglich ist. Die Geschäfte deponieren ihren Müll nämlich in den Innenhöfen. Also brachen wir unsere Aktion ohne Erfolg wieder ab. Doch so einfach liess ich mich nicht von meinem Vorhaben abbringen und bat Kaspar um Hilfe. Drei Wochen später machten sich Andrea, Lea und ich mit ihm auf den Weg zu einer grossen Migros-Filiale in St. Fiden. Dort angekommen, lief ich den beiden Jungs hinterher zum LKW, der hinter dem Laden angedockt war. Lea hatte beschlossen, Schmiere zu stehen und setzte sich an der wenig befahrenen Strasse auf eine Mauer. Mit grossen Schritten gingen wir auf den LKW zu. Mühsam kletterten wir zwischen etlichen Planen auf den schmalen Gang hoch, der zwischen dem Tor der Migros und dem Fahrzeug lag. Andrea drückte einen Knopf am LKW und das Rollo setzte sich unter Getöse in Bewegung. Ich kam mir vor wie in einem Science-Fiction-Film. Ich erholte mich schnell vom Schreck und half den beiden das Rollo nach oben zu drücken. Wir blickten auf die zwei Kisten mit der Aufschrift: «Wäscherei». Darin lagen diverse Migros-Kleidungsstücke. Andrea sagte sofort: «Hier hat’s nichts, gehen wir». Etwas enttäuscht machten wir uns auf den Weg zum nächsten Spot, einer Denner-Filiale.

Hinter dem Laden, der mitten in einem Wohnviertel lag, befanden sich zwei Container. Andrea öffnete den ersten Container, der voller Verpackungsmüll war. Ich stieg die kleine Treppe zur Warenannahme hoch, wo eine kleine Grüntonne stand. Ich öffnete sie und rief: «Ich habe etwas gefunden!». Sie war ungefähr zu einem Drittel mit FuseTea-Flaschen und Schokoriegeln gefüllt. Ich hängte mich über die Tonne. Wer schon eine solche Tonne ans Open Air mitgenommen hat, weiss, dass es gar nicht so einfach ist, die Dinge, die ganz unten liegen, herauszubekommen. Ich baumelte über der Tonne und die Jungs packten geduldig alle Sachen ein, die ich ihnen reichte. Zufrieden mit unserer Ausbeute machten wir uns auf den Heimweg.

Durch das Containern wurde mir das Problem Foodwaste im Detailhandel erst richtig bewusst. Nun finde ich es wichtig, sich dem Luxus des unbegrenzten Angebots und der Verschwendung, die damit verbunden ist, bewusst zu sein.

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