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Coming-Out-Story: «Ich hatte Angst, wichtige Menschen zu verlieren»

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Was war das Mutigste, das du je getan hast? «Das Outing meiner sexuellen Orientierung», antwortete Robin im Random Questions-Interview von Rheintaler Life im August. Heute erzählt Robin die ganze Geschichte seines Coming-Outs als homosexueller Mann.

Name: Robin Alter: 26 Wohnort: Marbach Beruf: Tourismus Student

Wann hast du gemerkt, dass du schwul bist? 
Anfänglich wusste ich nicht, dass ich schwul bin, geschweige denn, dass Homosexualität überhaupt existiert. Während der Pubertät habe ich mich vermehrt mit diesem Thema befasst und in verschiedenen Zeitschriften gelesen, dass es nur eine Phase sein könnte. Also dachte ich, es wird vorbei gehen. Nach drei Jahren wurde mir aber bewusst, es ist wohl mehr als nur eine Phase.

Wann hattest du dein Outing?
Das Outing ist keine einmalige Sache. Ich muss mich immer wieder outen, sobald ich neue Leute kennenlerne. In Gesprächen kommt irgendwann die Frage nach einer Freundin. Dann wäge ich ab, ob ich dieser Person von meiner Homosexualität erzählen will oder nicht. Wenn ich es nicht möchte, sage ich einfach «Nein», denn ich habe ja tatsächlich keine Freundin, sondern einen Freund. Hingegen gab es schon Personen, die mich gefragt haben, ob es jemanden an meiner Seite gäbe. Diese Frage mag ich sehr. So fühle mich nicht dazu gedrängt, mich rechtfertigen zu müssen.

Mein erstes offizielles Outing hatte ich während meinem Sprachaufenthalt in Australien vor fünf Jahren. Eine Freundin, die ich während der Reise kennenlernte, fragte mich direkt, ob ich schwul sei. Ich ignorierte die Frage, ging aber verunsichert nach Hause. Etwas in mir wollte es ihr erzählen. Nach einiger Zeit fragte sie erneut und ich öffnete mich ihr. Das war das erste Mal, dass ich ehrlich bezüglich meiner sexuellen Orientierung war. Danach habe ich mich unglaublich frei gefühlt.

(Australien, 2015)

Dieser Aufenthalt war eine der schönsten Zeiten in meinem Leben. Ich wollte mich nicht mehr verstecken und beschloss, meine Mutter und meinen Bruder ebenfalls einzuweihen.

Dennoch habe ich zurück in der Schweiz ein halbes Jahr gebraucht, bis ich den Mut fand, mich ihnen gegenüber zu outen. Ich war allein zu Hause und schaute den Film «4th Man Out». Diesen Film schaute ich damals oft, da er von einem schwulen Mann handelt, der sich vor seinen Freunden outet. Als meine Mutter und mein Bruder nach Hause kamen, sagte ich, dass ich ihnen etwas erzählen muss. Nach einigen Minuten der Stille brachte ich endlich die Worte «ich bin schwul» heraus. Ich weiss nicht warum, aber ich hatte Angst davor, die wichtigsten Menschen in meinem Leben zu verlieren.

Wie haben die beiden reagiert?
Meine Mutter nahm mich in den Arm und sagte, dass sie mich liebt und meine sexuelle Orientierung keine Rolle spielt. Mein Bruder sagte eine Weile nichts, da er im ersten Moment geschockt war. Danach umarmte er mich auch. In der folgenden Zeit sprach er oft mit meiner Mutter darüber. Ich habe sie gebeten, es niemandem sonst zu erzählen. Heute denke ich, es hätte meinem Bruder gutgetan, wenn er mit einem Freund oder seiner damaligen Freundin darüber hätte sprechen können. Jedoch bin ich sehr froh, haben die beiden so positiv reagiert. Sonst hätte ich mehr Mühe gehabt, mich weiteren Personen gegenüber zu outen.

Robin mit seinem Bruder (links) und seinem Freund (rechts)
Wie hast du es deinen Freunden gesagt?
Meine drei engsten Freunde und ich planten an die Olma zu gehen. Der Tag begann mit einer zufälligen Aussage des einen Freundes. Er kam aufgebracht an unseren Treffpunkt und sagte: «Wenn mir das nächste Mal jemand sagt, dass er schwul ist, sage ich ihm, dass er den Weg des geringsten Widerstandes geht.» Es stellte sich heraus, dass er kurz zuvor einen Streit mit seiner Freundin hatte und er fand, Frauen seien so kompliziert. An diesem Abend, nach ein paar Bieren, sagte ich ihnen, dass ich den Weg des geringsten Widerstandes gehe. Meine Freunde hatten zuerst keine Ahnung, was ich meine. Also sagte ihnen ohne Umwege, dass ich schwul bin. Danach haben mich alle umarmt und gefragt, warum ich so lange gebraucht hätte, dazu zu stehen, es sei doch überhaupt kein Problem.

Robin und seine drei engsten Freunde.
Welche positiven Erfahrungen hast du nach dem Outing gemacht? 
Meine Erfahrungen waren fast alle positiv: Meine Freunde sagten, ich sei ja immer noch dieselbe Person. Der einzige Unterschied bestehe darin, dass sie nun über meine sexuelle Orientierung Bescheid wüssten. Zudem sind einige Personen auf mich zugekommen und sagten mir, sie fänden meinen Weg sehr mutig. Solche Aussagen von Menschen, die ich teilweise mehrere Jahre nicht mehr gesehen habe, bedeuten mir sehr viel. 

Welche negativen Erfahrungen hast du gemacht? 
Glücklicherweise waren das wenige. Es gibt Bekannte, die mich seit einiger Zeit meiden, mich nicht mehr grüssen und mir aus dem Weg gehen. Wenn Menschen nicht damit umgehen können, bin ich froh, sie nicht mehr in meinem Leben zu haben. Dennoch gibt es auch negative Dinge, die zu ertragen sind. Es kam vor, dass jemand in einem vorbeifahrenden Auto meinem Freund und mir «Schwuchteln» hinterhergerufen hat. Oder dass eine Mutter ihrem Kind die Augen zuhielt, als wir Hand in Hand die Strasse entlanggelaufen sind. Solche Dinge sind schade, aber ich lasse mich davon nicht herunterziehen.

In den Random Questions hast du gesagt, es war schwierig, dich so zu akzeptieren, wie du bist. Wieso?  
Als ich erkannte, dass ich schwul bin, war mein erster Gedanke: «Gut, dann bleibe ich eben Single». Ich konnte mir nicht vorstellen, einen Partner zu haben. Oft fragte ich mich, warum es genau mich treffen musste. Ich versuchte nicht aufzufallen und mich anzupassen. Mein Ziel war, dass es niemand erfährt.

Was bedeutet das «geoutet-sein» für dich? 
Es heisst frei zu sein. Ich habe viel Lebensqualität und Selbstvertrauen dazu gewonnen. Heute bereitet es mir keine Mühe mehr, mit meinem Freund händchenhaltend im Rheintal gesehen zu werden und offen über meine Sexualität zu sprechen. 

Hast du Tipps fürs Outing? 
Vertraue dich zuerst einer Person an, bei der du dir sicher bist, dass sie kein Problem mit Homosexualität hat. Meistens spürt oder weiss man das aus Gesprächen. Es gibt wirklich viele Leute, die sehr tolerant sind. Mir fällt das Leben um einiges leichter, seitdem ich mich nicht mehr verstellen muss. 

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