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Kriessern

Isabelle und Rodrigo Angst wollen mit ihren Söhnen Raphael (links) und Levin in den nächsten Weihnachtsferien nach Brasilien reisen. Die Jahreszeiten verlaufen dort umgekehrt: Momentan herrschen im Bundesstaat Rio Grande do Sul kühle Temperaturen.
Isabelle und Rodrigo Angst wollen mit ihren Söhnen Raphael (links) und Levin in den nächsten Weihnachtsferien nach Brasilien reisen. Die Jahreszeiten verlaufen dort umgekehrt: Momentan herrschen im Bundesstaat Rio Grande do Sul kühle Temperaturen. (Bild: pd)

«Angst haben wir nicht»

Hildegard Bickel Kommentare

«Wir heissen nur so.» Familie Angst aus Kriessern lebt mit einem Namen, der um die halbe Welt gereist ist. Im Rahmen unserer Sommerserie stellen wir sie vor.

Mit dem im Rheintal doch eher ungewöhnlichen Namen Angst ist eine Auswanderer- und Liebesgeschichte verknüpft. Sie hat ihren Anfang im 19. Jahrhundert im Kanton Aargau, in Lengnau, wo das Geschlecht weitaus häufiger verbreitet ist. Im Jahr 1857 entschieden die Eltern von Franz Xaver Angst, mit ihm, seinem Bruder und seinen zwei Schwestern ihre Heimat zu verlassen. Nicht etwa die Abenteuerlust trieb sie an. Es war der Drang, zu überleben. Viele Menschen in der Schweiz, vor allem im Kanton Aargau, wollten der drohenden Arbeitslosigkeit, der Verarmung oder der Hungersnot entrinnen. Die Reise der Angsts führte nach Brasilien und erfuhr ein tragisches Kapitel, als Franz Xavers Bruder bei der Überfahrt ertrank.

 

 

 

 

 

Somit war Xavier, wie er in Brasilien genannt wurde, der einzige männliche Angst-Nachfahre in der neuen Heimat. Er gründete mit Adelaide, Tochter einer ausgewanderten deutschen Familie, den brasilianischen Angst-Familienstamm.

Zu wenig exotisch für einen Brasilianer

Heute tragen fast 4000 Menschen in Brasilien den Namen Angst. Einer von ihnen ist Rodrigo Angst, dessen Familie im Bundesstaat Rio Grande do Sul in einer Siedlerkolonie – dem sogenannten Bom Principio (übersetzt «Guter Anfang») – beheimatet ist. Er verspürte früh den Wunsch, die europäische Heimat der Ahnen kennen zu lernen und dort zu arbeiten. Vor bald 20 Jahren kam Rodrigo Angst nach Liechtenstein als landwirtschaftlicher Praktikant. Da lernte er Isabelle Hutter aus Kriessern kennen.

Sie konnte nicht glauben, einen Brasilianer vor sich zu haben. «Er sprach perfekt Deutsch, auch der Name deutete nicht darauf hin, und an seinem Aussehen war nichts Fremdländisches.» Sie lacht: «Er musste mir zum Beweis den Pass zeigen.» Mittlerweile sind sie seit 15 Jahren verheiratet und Eltern des neunjährigen Levin und des sechsjährigen Raphael. Isabelle Angst nahm ohne zu zögern den Namen ihres Mannes an, auch im Hinblick auf die Kinder, damit alle den gleichen Namen tragen. «Viele belächeln uns, wenn wir unseren Namen nennen», sagt sie. «Manche können es kaum glauben, dass wir tatsächlich so heissen.»

In solchen Fällen bringt Isabelle Angst ihren Standardspruch: «Angst haben wir nicht, wir heissen nur so.» Wenn sie nach der Schreibweise gefragt wird, sage sie jeweils: «Angst wie Angst», das genüge. Eine weitere Nebenerscheinung des Namens macht sich in alphabetisch geführten Listen bemerkbar. Die Familienmitglieder sind praktisch immer als erste aufgeführt.

Die Heimat ihres Mannes kennen gelernt

Isabelle Angst war bereits achtmal in Brasilien. Bei Besuchen landen sie mit dem Flugzeug in der Hafenstadt Porto Alegre, anschliessend folgt eine achtstündige Busfahrt ins Landesinnere. Rodrigo Angsts Heimatdorf befindet sich abgelegen in einer eher flachen, teils leicht hügeligen Landschaft, wo vor allem Ackerbau betrieben wird.

«In den Ferien ist es schön dort», sagt Isabelle Angst. Der Alltag könne aber durchaus beschwerlich sein. «Die Infrastruktur hinkt etwas hinterher.» Internetanschlüsse gebe es noch nicht in jedem Haus. Möchte man einen Grosseinkauf machen, müsse man 20 Kilometer weit auf Schotterpisten fahren. Ihre Schwiegereltern leben als pensionierte Landwirte auf ihrem Hof.

Die Nachfahren sind sich ihrer Wurzeln bewusst

In der Region gibt es viele Nachkommen europäischer Auswanderer. Sie stammen aus der Schweiz, Deutschland oder auch Polen. Ein Museum dokumentiert ihre Geschichte, beispielsweise mit Schiffspässen. Auch mitgebrachte Traditionen und Bräuche werden gepflegt. Die Verwandtschaft von Rodrigo Angst spricht deutsch in einem eigenen Dialekt wie vor hundert Jahren. Mit den Jahren wurden zudem portugiesische Wörter eingedeutscht.

Isabelle Angst sagt, die deutsche Sprache gehe langsam verloren. «Die heutige Generation wächst mit der portugiesischen Sprache auf.» Man lege jedoch Wert auf Zusammenkünfte. Alle paar Jahre gibt es ein Angst-Treffen in Brasilien und auch eine Fahne mit dem Familienwappen hängt bei den Verwandten. Abgebildet ist ein Steinbock.

Rodrigo Angst bemühte sich um den Schweizer Pass, aber die Wurzeln reichen zu viele Generationen zurück, vier oder fünf, «da sind wir nicht ganz sicher», sagt Isabelle Angst. Dass er als Vorzeigeschweizer durchgehen könnte, beweist demgegenüber sein Dialekt. «Weil Rodrigo früher manchmal z’Alp war, hat sein Dialekt etwas Bündnerisches.» Vielleicht spielt auch die Aura des Familienwappentiers mit.

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