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Widnau

In Vierergruppen versuchen die Deutschlernenden einen Begriff zu erraten, den eine Person – nach Anweisung auf einem verdeckten Kärtchen – aus Plastilin geformt hat.
In Vierergruppen versuchen die Deutschlernenden einen Begriff zu erraten, den eine Person – nach Anweisung auf einem verdeckten Kärtchen – aus Plastilin geformt hat. (Bild: Maya Seiler)

Alles beginnt mit der Sprache

Maya Seiler Kommentare

Als erste Gemeinde im Kanton hat Widnau das Pilotprojekt eines niederschwelligen Deutschunterrichts umgesetzt. Beim Besuch staunte man über die Begeisterung der Migranten, das Gelernte anzuwenden.

Maya Seiler

Mit der Kurzformel «In 60 Stunden über die Sprache zu einer schnellen Integration» könnte man das Konzept Quartier- oder Dorfschule umschreiben. Mit diesem Ansatz starten die St. Galler Gemeinden ein neues Projekt, um Flüchtlingen unabhängig vom Aufenthaltsstatus grundlegende Deutschkenntnisse zu vermitteln. Das Konzept wurde vom Liechtensteiner Verein Neues Lernen erarbeitet und umfasst die Ausbildung von Lehrpersonen sowie ein grosses Angebot an didaktischem Schulmaterial.

Bund änderte Beitragspraxis

Ausgangslage ist die geänderte Praxis des Bundes, Integrationsbeiträge erst nach Anerkennung des Flüchtlingsstatus zu leisten. Darauf hat der Kanton St. Gallen die Sprachförderung von tausend auf 400 Deutschlektionen reduziert. Für die Gemeindepräsidenten ist klar, dass Integration und Selbstständigkeit nur mit Sprachkenntnissen möglich sind. Daher haben sie sich entschieden, allen Fremdsprachigen, nicht nur den Flüchtlingen, einen kostenlosen Zugang zur Deutschförderung vor Ort zu ermöglichen. Das ­Projekt LieLa (Liechtenstein ­Languages) bietet dazu beste Voraussetzungen: Zuerst werden Sprachtrainer ausgebildet, die im Schneeballsystem zukünftig die Kursleiter vor Ort, die nicht zwingend über eine Lehrerausbildung verfügen, mit dem Ausbildungsgang vertraut machen. Ein Koffer mit allen Unterrichtsmaterialien steht ihnen zur Verfügung.

Die Gemeinde Widnau hat eine Vorreiterrolle übernommen; gestern ging der erste Sprach- und Integrationskurs mit 16 Migrantinnen und Migranten unter der Leitung von Anita Bosser zu Ende. In vier Wochen – täglich von 8.30 bis 12 Uhr – unterrichtete die Verantwortliche für Asylwesen zusammen mit anderen Kursleiterinnen eine Gruppe Fremdsprachiger in der eigenen Gemeinde.

Die Teilnehmer bekamen einen Badge mit einem einheimischen Namen, im Deutschkurs hiessen sie zum Beispiel Eva Rauch oder Jakob Frick. Damit konnten sie spielerisch in eine ­andere Identität schlüpfen und fremdes Verhalten einüben.

Lernen mit Kopf, Herz und Hand

Bei der Deutschlektion von gestern stand Gemüse auf dem Lehrplan: Die Kartoffel, die Karotte, der Salat oder der Pilz wurden angeschaut, aus Plastilin geformt oder mit Gesten symbolisiert, dabei immer das Wort laut gesprochen.

Die Geste für «Weinen» bedeutete Zwiebel, in die vorgehaltene Hand ausatmen (Mundgeruch) symbolisierte Knoblauch. Spielerisch versuchten die Teilnehmer, die Gemüse nach Memory-Art auf den umgedrehten Bildern zu erraten, einen aus Plastilin geformten Pilz oder ein Brot zu erkennen. Es war leicht zu sehen, dass die Sprachschüler mit grossem Spass bei der Sache waren.

In Kürze soll jede Gemeinde dieses Konzept anbieten; dabei können lokale Strukturen wie Kirchgemeinden oder Frauenvereine aktiv werden. Ehrenamtliche Helfende werden gesucht, nicht nur zum Unterrichten, sondern auch zum Kuchenbacken und Kaffeekochen oder zum Kinderhüten, während die Eltern Deutsch lernen.