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Ägypten: Nervtötende Städte? Ach was, grandios in jeder Hinsicht

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#traveltuesday: Ob Kairo, Luxor, Gizeh oder Hurghada – Redaktor Remo Zollinger hat die bekanntesten Städte Ägyptens besucht. Am Anfang skeptisch, befreit er sich von Vorurteilen.

Kairo ist einer dieser Namen, die mir Respekt einflössen. Sei dies nun wegen seiner schieren Grösse oder auch, weil ich vorurteilsbehaftet bin: Nordafrika ist mühsam, da will dir überall jemand etwas andrehen, da kannst du keine zehn Meter gehen, ohne angesprochen zu werden. Ich gebe ohne Umschweife zu, dass auch ich Opfer von solchen Stereotypen bin, was sich durchaus auf die Wahl meiner Reiseziele auswirkt. Sei’s drum, mangels gut bereisbarer Ziele entschied ich mich im Februar 2021 für Ferien in Ägypten – und so gespannt wie vor dem Flug von Hurghada nach Kairo war ich doch schon lange nicht mehr.

Kairo
Kairo war in jeder Hinsicht grandios. An zwei Tagen brachte ich es auf über 40000 Schritte, was daran liegt, dass es überall sehenswert ist. Mein Reisestil beruht nicht darauf, Sehenswürdigkeiten abzuhaken (obwohl ich diese auch besuche), sondern ein wenig die Vibes einer Stadt oder eines Ortes aufzusaugen. Wem das zu «Gspürsch-mi»-mässig klingt, sei gesagt, dass damit zielloses Herumlaufen gemeint ist. Los geht’s bei meinem Hotel mitten im Zentrum der Stadt, nahe des Tahrir-Platzes.

Ich gehe westwärts, weil es dort auf dem Plan nach verwinkelten Gässchen aussieht und diese für viel Leben stehen. So ist dem auch, wobei mich überrascht, wie selig prunkvolle Kolonialbauten neben Neubauten stehen und wie nahe sich Moscheen, Kirchen und Synagogen sind. Spannend ist es rund um die U-Bahn- und Busstation Attaba, wo ein Markt stattfindet. Irgendwann ist dann das Viertel mit dem Namen «Islamic Cairo» erreicht. Khan El Khalili hatte ich als nervtötend erwartet, aber es war eine Insel der Glückseligkeit in der Megastadt. Die Leute nehmen in Cafés Platz, kein einziger spricht mich in negativer Absicht an, es war ruhig – und ich denke nur: Auch das ist eine Stadt, in der Menschen versuchen, so gut wie möglich zu leben. Und nicht hinter jeder Ecke steht einer, der dir nach dem Leben trachtet. So geniesse ich den Spaziergang durch die Gassen bis Bab-al-Nasr, der Stadttor-Burg im Norden des Viertels und dann durch Azbakeya, dessen Gassengewirr mich fasziniert. Mittendrin steht eine riesige Koptisch-Christliche Kirche, wo sich Gläubige zum Gebet einfinden. Davor geniesse ich einen Shawarma – ein Kebab-ähnliches Gericht - der meinen Tag abrundet.

Ausflug nach Gizeh
Am Sonntag steht der Besuch der Pyramiden von Gizeh und der Sphinx auf dem Plan. Mit dem Hotel hatte ich eine Tour ausgehandelt: Kein Links oder Rechts, keine Kamel-Tour, einfach zu den Pyramiden und zurück. Daran halten sich der Fahrer und mein «Guide» auch – die 140 Meter hohen Pyramiden sind tatsächlich extrem beeindruckend und die Kameltour-Mafia, die rundherum steht, schafft es nicht, mir diesen Anblick madig zu machen.

Davor zu stehen, ist ein Wow-Effekt, der mich vergessen lässt, normalerweise nicht Sehenswürdigkeiten hinterher zu hecheln. Denn die Pyramiden sind eine von diesen, die niemand verpassen darf.

Am Mittag lässt mich der Guide am Hotel raus und es beginnt der nächste Teil der Entdeckung dieser grossartigen Stadt. Mit der U-Bahn (weshalb wird vor ihr gewarnt?) geht es nach Mar Girgis, wo nicht nur die sehr Räucherstäbchen-geschwängerte Hanging Church steht, sondern vor allem ein uraltes Viertel, das einschüchternd wirken könnte, dies aber nicht tut. Daneben ist die älteste Moschee der Stadt und ein Markt. Von dort geht’s mit Careem, dem arabischen Uber-Pendant, zur Saladin-Zitadelle, die mit der Ali-Moschee über der Stadt thront. Weil Gebetszeit ist, wird der Ausblick über Kairo noch spannender; spätestens hier wird mir bewusst, mit meinen Vorurteilen glücklicherweise daneben gelegen zu haben.

Zugfahrt nach Luxor
Am Montag ist Zugtag, und die Fahrt ist einer der Gründe dafür, überhaupt nach Kairo gereist zu sein. Immer noch geflasht von den letzten Tagen erreiche ich dank Careem die Ramses Station, und ich bin überrascht, wie viel hier los ist. Die Anzeige funktioniert nicht richtig, aber ich finde es schön, wenn an einem Bahnhof Züge nach Luxor, Alexandria und Port Saïd angeschrieben sind. Meiner nach Assuan (ich fahre nur bis Luxor) fährt auf Gleis 11 und ist ein uralter spanischer Talgo, der mit unschlagbar bequemen Sitzen punktet, zweimal hupt und sich den Weg durch Staub und Möven bahnt, um die Reise durch das Niltal in Angriff zu nehmen.

Zugfahrten haben den Vorteil, das Land von einer anderen Perspektive zu zeigen. Ein Flug nach Luxor wäre einfacher gewesen und hätte in meinem straffen Zeitplan mehr Freiheiten erlaubt, dafür hätte ich ein Spektakel verpasst, das ich nicht missen möchte. Gemächlich bahnt sich das gut gefüllte Gefährt den Weg durch die Vorstädte Kairos, dann hält es in Giza, um dann aufzudrehen. Die Fahrt ist wunderbar; die Toiletten im Zug sind zwar imodiumerregend Scheisse, dafür kann man zwischen den Abteilen in guter Gesellschaft rauchen – Menschen, die einen nicht als laufenden Bancomaten betrachten, stellen Fragen, der Austausch ist eine Freude. Nach Naga Hammadi und Qina ist klar, dass wir das Ziel Luxor nicht pünktlich erreichen, aber exakte 58 Minuten Verspätung sind kein Problem; ich wäre lieber noch weiter gefahren, als auszusteigen – ein Eindruck, der sich wenig später bestätigen wird.

Luxor
Denn in Luxor weht ein anderer Wind. Nicht nur, weil mittlerweile Abend ist und es in der Wüste dann gehörig kalt wird, auch die Menschen sind aggressiver. Die Polizeipräsenz vor dem Bahnhof stört mich nicht, während ich auf meinen Careem-Fahrer warte, aber erst der dritte kommt wirklich und bringt mich zum Hotel. Das liegt daran, dass Careem-Fahrer hier nicht beliebt sind: Die App, dank der man den Fahrpreis ohne Feilschen schon vor Beginn weiss, zerstört das einzig auf Abzocke beruhende Geschäftsmodell der Taxifahrer. Dies merke ich am nächsten Tag zweifach; einmal in der Person meines Fahrers Saïd, der von physischen Übergriffen seitens der Taxifahrer erzählt, dann aber auch an der Seite eines anderen Fahrers, dem die Taxifahrer unmissverständliche Gesten nachwerfen.

Luxors Sehenswürdigkeiten sind beidseits des Nils. Sie sind gross und zeitaufwendig, aber es darf auch etwas Zeit kosten, das Grab des Königs Tutanchamun zu besuchen. Nur: Ins Tal der Könige sind es etwa 30 Kilometer, weil die nächste Nilbrücke ein gutes Stück südlich der Stadt liegt. Saïd ist von der Idee, dahin zu fahren, nicht angetan, weil er leer wieder zurückfahren müsste. Doch weil er die Idee, gegen Bezahlung zwei Sehenswürdigkeiten abzuklappern und jeweils auf mich zu warten, nicht falsch findet, finden wir uns. So besichtige ich in aller Ruhe das Tal der Könige mit den beeindruckenden Grabmahlen und den Tempel von Königin Hatshepsut.

Auf der anderen Seite des Flusses liegt der Karnak-Tempel, da setzt Saïd mich ab. Es war wohltuend, einen solchen Fahrer an der Seite zu wissen. So gebe ich sehr gern auch mal etwas mehr Bakshish. Und der Karnak-Tempel ist den Eintritt wert.

Für mich geht es dann – wieder per Careem – zurück zum Hotel, wo nach einer kurzen Ruhephase mein arrangierter Fahrer mich abholt. Dies zum Unbill der ansässigen Taxifahrer, die dem Herrn im klimatisierten Wagen deutlich klar machen, hier nicht willkommen zu sein. Mich reizt es, ein paar Gesten da zu lassen, ich verzichte aber darauf, denn das ist doch dämlich. Mein Fahrer bringt mich für eine Hunderternote von Luxor zurück nach Hurghada. Das sind immerhin über 300 Kilometer und rund vier Stunden Fahrt, weshalb ich den Preis als fair erachte.

Die Fahrt ist ein Genuss: Sind die Dinge im Voraus geregelt, fährt niemand Umwege – und die 180 Kilometer durch die Wüste sind eine einzige Sehenswürdigkeit. Obwohl ich nach dem Sightseeing-Hopping ein wenig müde bin, bringe ich kein Auge zu. Wie soll man auch, wenn da der nächste Steinberg wartet, während links eine Sanddüne sich ihren Weg durch die Wüste bahnt? Einfach nur herrlich und schon nur deshalb die hundert Franken wert, abgesehen vom professionellen Service, der keine Wünsche offen lässt.

Hurghada
In Hurghada erwartet mich wenig überraschend das beste Hotel der Reise. Das «Meraki» ist modern, das Design begeisternd und die Leute im Resort sehr gastfreundlich, ohne nach Bakshish zu fragen. Das ist eine willkommene Abwechslung, bei der auch rasch klar wird, dass ich als nicht-russisch-Sprechender in der krassen Unterzahl bin. Im Resort gibt es halbrunde Holz-Lavabos und innerhalb des Rezeptionsgebäudes scheint sich ein Holzbaum aufzutürmen, dessen Glieder sich an den Wänden nach unten schlängeln, alles in einer Symmetrie, die meinen inneren Monk befriedigt. Abgesehen davon (und von Atalanta-Real Madrid, das für mich in einer Sports Bar stattfindet), ist Hurghada aber schnell abgehandelt. Die Details über den Corona-Test erspare ich euch ebenso wie die Beschreibung des Resortlebens. Laute Russinnen und Russen hat wahrscheinlich jede und jeder schon einmal erlebt.

Ein Highlight hält die Reise jedoch noch parat: Wakeboarden. Nachdem ich es in Punta Cana schon mit Surfen probiert habe und das ebenso gut herauskam wie mein Snowboard-Comeback in diesem Winter, will ich wissen, ob das Wakeboarden wirklich so geil ist, wie es aussieht. Und was soll ich sagen? Natürlich ist dem so. So schwierig sind die ersten Schritte nicht, sie machen eher Lust, den ganzen Tag auf dem Brett zu verbringen, was ich nach dem Anfängerkurs irgendwann sicher auch noch machen werde.

Die von Samih Sawiris finanzierte und am Reissbrett entstandene Touristenstadt El Gouna hat mehr Spass gemacht, als ich das erwartet habe. Abgesehen davon: Der Rest ist Heimreise und dann Quarantäne.

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