02.04.2019

Schüler entdecken Biberspuren

Nicht weit von der Schule entfernt fällen Biber am Sickerli ganze Bäume und bauen Dämme. Diesen Lebensraum müssen die Schüler sehen, ist Lehrer Heinz Köppel überzeugt. Mit dem Wildhüter gingen sie auf Besuch.

Von Hildegard Bickel
aktualisiert am 03.11.2022
Hildegard Bickel«Riecht mal», fordert Mirko Calderara die Kinder auf. Der Wildhüter steht am Ufer des Sickerli und hält ein Schlammhäufchen in den Händen. Die Kinder der dritten Klasse von Heinz Köppel kommen vorsichtig näher und lernen den strengen Geruch des Sekrets Bibergeil kennen. Damit markieren Biber ihr Revier und pflegen ihr Fell. Das Sekret, das in den Drüsensäcken der Biber hergestellt wird, dient auch als Parfum in der Paarungszeit.Die Kinder folgen Mirko Calderara weiter zu den Bauwerken, die der Biber am Sickerli erschaffen hat. Die Dämme und abgenagten Äste lassen die Mädchen und Buben staunen. Doch es können auch Probleme entstehen. Dann, wenn es wegen der Biberbauten im Sickerli zu einem Rückstau kommt und in der Nähe der Autobahn die Hochwasser-Entlastung nicht mehr gewährleistet ist. In solchen Fällen müssen die Hölzer aus dem Bach geholt werden.Lehrer Heinz Köppel ist begeistert vom anschaulichen Unterricht in der Natur. «Hier draussen können die Kinder mit allen Sinnen ein Thema erleben.» Der Biber gefällt den Schülern besonders wegen seiner starken Zähne und seines Schwanzes, genannt «Kelle», wie sie fachmännisch erklären.Ein Stück Natur im SchulhausSeit 2006 erobert der Biber das Rheintal zurück. Dass sich eine Biberfamilie am Sickerli ausbreitete und mittlerweile den Ruf als Touristenbiber und Dorfbiber geniesst, nahm Heinz Köppel zum Anlass, sich vertieft mit dem grössten Nagetier Europas zu beschäftigen. Er begab sich auf Exkursionen und Foto- und Filmsafaris von Fussach bis Oberriet. «Das macht man, wenn man selber Fan ist», sagt der naturverbundene Pädagoge. Seine Frau, Handarbeitslehrerin Claudia Savary, begleitete ihn geduldig und interessiert. Sie unterstützte ihn anschliessend während unzähliger Stunden, als Heinz Köppel im Flur des Schulhauses Schlatt eine Ausstellung gestaltete.Es entstand eine liebevoll und umfangreich hergerichtete Lernlandschaft rund um den Biber. Schilf, Holz für den Biberdamm, sogar einen Baum mit typischen Frassspuren holte Köppel ins Schulhaus, mit Hilfe der Realklasse seines Bruders Hannes Köppel. Die ausgestopften heimischen Vögel und Kleintiere sind Leihgaben des Naturmuseums St. Gallen. Auf Infoplakaten sind kindgerechte Texte verfasst, ergänzt mit Fotos der Wildkameras, die den nachtaktiven Biber bei Streifzügen zeigen. Klassen vom Kindergarten bis zur Oberstufe kamen bereits zu Besuch und vertieften sich ins Thema.Auch Lehrerkollegen liessen sich vom Biberfieber anstecken. Zwei von ihnen konnten das Tier zufällig bei Tageslicht fotografieren. «Sensationell», sagt Köppel. «Doch es gehört Glück dazu.» Selber war es ihm bisher nicht vergönnt, einen Biber zu sehen.Geschützter Status, wie lange noch?Der Biber und sein Lebensraum sind in der Schweiz zurzeit geschützt. Falls das Zusammenleben von Biber und Mensch jedoch eng werde und zu ernsthaften Problemen führe, könnte eine Änderung auf Bundesebene nötig werden, sagt Wildhüter Mirko Calderara. Es fehlen natürliche Feinde des Bibers und es besteht Konfliktpotenzial in der Landwirtschaft, wenn Biber Meliorationskanäle stauen und die Böden nicht mehr entwässert werden. «Hingegen birgt eine Biberfamilie wie am renaturierten Sickerli enorm viele Chancen», sagt Mirko Calderara. «Der Biber ist ein Landschaftsarchitekt, er gestaltet Lebensräume, wovon auch andere Tiere und Pflanzen profitieren.»HinweisDie faszinierende Biber-Ausstellung ist während den Unterrichtszeiten zugänglich. Schulhaus Schlatt Widnau, erstes Obergeschoss. Besuche sind möglich bis zu den Herbstferien.

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