16.08.2019

«Ich erhitze Metall bis 1300 Grad»

Tom Hämmerle pflegt ein Hobby, das nicht alltäglich ist: Er giesst Glocken. Diese Kunst brachte er sich selbst bei.

Von Hildegard Bickel
aktualisiert am 03.11.2022
Wieso faszinieren einen 25-jährigen, jungen Mann Glocken? «Hauptsächlich haben es mir Kirchenglocken angetan», sagt Tom Hämmerle. «Man hört sie jeden Tag, und doch sieht man sie nicht – das finde ich cool.» Sein Anspruch ist es, den Klang und das Aussehen der Glocke perfekt zu gestalten. Dazu muss er millimetergenau arbeiten. «Auch finde ich es richtig krass, wenn sich das flüssige Metall bis zu 1300 Grad erhitzt und ich diese Hitze spüre», sagt Tom Hämmerle. «Ich habe mich zum Glück noch nie verbrannt, da ich mich immer gut schütze.»Schon früher machte er mit seinem Vater Tonförmchen und näherte sich so dem Handwerk an. Vor zwei Jahren begann der gelernte Maurer, sich das Glockengiessen selbst beizubringen.Im Internet fand Tom Hämmerle Dokumentationen zur jahrhundertealten Kunst. Daraus versuchte er Tipps umzusetzen. «Das meiste habe ich aber durch Ausprobieren gelernt.» Um das Metall schmelzen zu können, baute er Öfen und hantierte mit Kohle und Gas, immer voller Respekt: «Damit mir nichts um die Ohren fliegt.»Mit dem gasbetriebenen Ofen ist der Tüftler momentan recht zufrieden. Es handelt sich um einen alten Stahlboiler, den er mit Keramikwolle auskleidete und mit Hochofenbeton ausgegossen hat. Kürzlich gelang es ihm, in nur 40 Minuten zwölf Kilo Kupfer und Zinn zu Bronze zu schmelzen.Tom Hämmerle arbeitet zu Hause bei seinen Eltern im Garten. Lieber als kühle Temperaturen mag er trockene und warme Bedingungen, was ihm ein besseres Gefühl für das Glockengiessen vermittelt.Bevor er mit dem Giessen beginnen kann, bereitet er ein Loch in der Erde vor, in das er die verzierte Form für die Glocke platziert. Die Form ist aus Lehm und kann nur einmal benutzt werden, da sie beim Füllen mit Bronze kaputtgeht. Somit wird jede Glocke zu einem Unikat. Sind diese Vorbereitungen getroffen, widmet sich Tom Hämmerle dem Metall im Tiegel. Sobald es die gewünschte Temperatur erreicht hat, ist es Zeit, zu entgasen.Hämmerle schützt sich mit Lederhandschuhen, Helm und Visier und rührt mit einem nassen Erlenast im flüssigen Metall, damit eine chemische Reaktion entsteht. Wenn es zu blubbern beginnt, entweicht das Gas. Bronze nimmt im flüssigen Zustand viel Sauerstoff auf, der beim Erkalten zu unerwünschten Luftbläschen führen kann. Was danach folgt, ist ein besonderer Moment.Der Glockengiesser hebt den Graphittiegel mit der siedend heissen Bronzelegierung aus dem Ofen und lässt das glühende Metall in die Lehmform rinnen. Nun muss das Metall abkühlen und kann am nächsten Tag ausgegraben werden. Die verschiedenen Arbeitsschritte beim Glockengiessen sind schweisstreibend und dauern an einem kleinen Exemplar etwa eine Woche. «Bei einer grösseren bin ich sicher drei Wochen beschäftigt», sagt Tom Hämmerle. Umso mehr freut er sich auf das Auspacken, wenn er die Glocke vom verbrannten Lehm entmantelt.Gespannt macht er jeweils die erste Klangprobe. «Ist der Ton etwas zu hoch, kann ich die Glocke ausschleifen, ist der Ton zu tief, muss ich sie neu giessen.» Auch schon sind ihm Missgeschicke passiert. «Entweder war der Klang voll daneben oder die Lehmform war zu wenig angezogen», sagt Tom Hämmerle. «Weil sich Fehler einschlichen, musste ich eine Glocke drei Mal neu machen.»Der Hobby-Glockengiesser hat die Kunst schon so perfektioniert, dass er Aufträge im Rheintal ausführen durfte. Für Katholisch Diepoldsau-Schmitter stellte er eine Glocke her, die letzten Silvester gesegnet wurde und zur Eröffnung des Gottesdienstes läutet. Auch für die Kirche Widnau goss er letzten Sommer eine Glocke. Dem Heim Oberfeld in Marbach, wo er zur Schule ging, lieferte Tom Hämmerle zwei Glocken, die nun mehrmals täglich zum Unterrichtsbeginn und -ende ertönen.Selbst gegossen hat er bis-her 29 Glocken. Manch eine der ersten Glocken schmolz er zu Übungszwecken wieder ein. Sieben Exemplare bewahrt er bei sich zu Hause auf, die schwerste wiegt 46 Kilo. Sein Ziel ist es, sein Hobby weiterzuentwickeln und vermehrt Aufträge anzunehmen. «Ich möchte mir einen guten Namen machen und mich weiterhin mit dieser Kunst beschäftigen können.»

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